Sonntag, 31. Juli 2016

Sonntagsgedanken: In medio paradisi...



In medio paradisi …

Reflexionen über das Paradies und den Sündenfall

Warum hat Gott den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ins Zentrum des Paradieses gestellt, dessen Genuss aber tabuisiert?
Anders: Wieso gehörte dieser todbringende Baum ins Zentrum (in medio paradisi) des Gartens Eden? Als Tabu, als dunkler Punkt, als Ort der Verneinung inmitten einer Überfülle an Gutheit und Schönheit, der der Mensch angehörte?
Gewiss, es stand daneben der Baum des Lebens, aber trotzdem fragt schon das Kind, dem diese biblische Geschichte vorgetragen wird, warum in den Raum der Vollkommenheit und Schönheit zentral dieser die Makellosigkeit des Menschen annullierende Fallstrick gestellt war?
Ob man in einem neurotisch-autoritären Sinne sagen kann, Gott habe den Genuss vom Baum der Erkenntnis verboten, etwa so, wie die Eltern im Struwwelpeter in der „Gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“ dem Paulinchen verboten haben, mit den Streichhölzern zu spielen, anschließend ausgingen und das unmündige Kind mit der Gefahr alleine ließen? 



Manche meinen auch, Gott habe den Menschen getestet, ob er willens und fähig zum Gehorsam sei, ob er der Neugier standhalte, ob der Mensch bereit gewesen sei, blind zu glauben und sich Gott blind zu unterwerfen. Und beinahe genüsslich stellen sie fest, der Mensch habe sich dem Gebot der Unterwerfung entgegengestemmt.
Allerhand abstruse und zwanghafte Gedanken knüpfen sich an den Vorgang, mit dem die Hauptschuldige, nämlich die Frau, den armen Mann, der einem betrogenen Opfer gleichkommt, mittels „Sinnlichkeit“ in den Sumpf herabgezogen habe. Die Hauptbedeutung des Sündenfalls habe demnach darin bestanden, die Rollen zu vertauschen und die Frau an die erste Stelle vor dem Mann zu setzen, der doch der natürliche, wesentlich würdigere, gottgewollte Führer „des Weibes“ sei, eines Neutrums also, einer Auslagerung des Mannseins minderer Güte, das für einen Moment einmal habe ein volles Menschsein, sprich: Mannsein, erreichen wollen und sich damit auch noch gegen Gott gewandt habe. Der Sündenfall erhielt so den Charakter des Aufstandes der Frau gegen den Mann, und je frömmer christliche Kreise sind, desto mehr hängen sie diesen Vorstellungen an.

Allein: Nichts von alledem findet sich im Schrifttext! Was aber finden wir dort?

Ich muss gestehen, dass mir diese Deutungen unwürdig vorkommen, nicht nur läppisch, sondern sogar blasphemisch.
Unser Gott ist doch nicht dieser finstere Wüstengeist, der die Welt in Flammen stürzt, dieser feuerspeiende Drache, der soviel Blut zur Befriedigung seines perversen Gelüsts verlangt, der die Menschen unterworfen oder zertreten sehen will und deren mehrmalige Proskynesis am Tag fordert, diese hündische Geste, die nur Hass in den Herzen schafft! Gott hat sich eine imago geschaffen, keinen panischen, kriecherischen Wadenbeißer!
Es geht mir ähnlich wie bei der Geschichte vom „Paulinchen“. Als Mutter frage ich mich, wie man ein noch törichtes Kind alleine lassen kann, ihm vorher die Streichhölzer vor die Nase stellt, womöglich noch zeigt, wie man sie anreißt, Zeigefinger schwenkend vor deren Benutzung warnt und dann ausgeht… das Kind dem Babysitting zweier greinender und Tatzen hebender Katzen. „Minz und Maunz“, überlassend.
Der Zynismus solchen elterlichen Handelns ist doch – sagen wir es ungeschminkt - nicht zu überbieten.
Es ist mit Sicherheit eine Folge sündhafter Verfinsterung, wollte man Gott solch hämischer und verantwortungsloser Handlungen zeihen.
Ein großer Teil der Theodizee-Bemühungen richtet sich gegen Anschuldigungen Gottes auf diesem erbärmlichen Niveau, tut aber nichts anderes, als sie auf demselben Niveau schönzureden. Einem Niveau, das Gott mit den verantwortungslosen Eltern des „Paulinchens“ im Struwwelpeter gleichsetzt.



Zwar ist an einigen Schrift-Stellen vom Ungehorsam der Stammeltern die Rede, aber alleine die Begriffsvarianzen offenbaren, dass hier mehr zugrunde liegt als nur ein einfacher Gehorsamsbruch. Es ist die Rede etwa von deren delictum (Vergehen), deren inoboedentia (Ungehorsam) in Römer 5, 18 f und der praevaricatio (Pflichtverletzung (des Anwalts)) Evas in 1. Tim 2, 14.
Die eigentliche Qualität des Sündenfalls, der ja nicht in einem bloßen, abstrakten Ungehorsam besteht, sondern in einem Verstoß gegen ein ganz bestimmtes Gebot, das kein Selbstzweck war, sondern einen geheimnisvollen Sinn birgt, wird entweder ausgeblendet oder mit infantilen Deutungen versehen, wie ich oben einige beschrieben habe.

Unser Dilemma liegt darin, dass wir nicht oder nur mit äußerster Mühe hindenken können an das Geschehen im Garten Eden. Wir übertragen Vorstellungen, die bereits durch die Sünde massiv verzerrt sind, auf die Situation der Stammeltern, außerstande, eine Perspektive einzunehmen, die unbelastet und iterativ anschauen könnte, was passiert ist, bevor die Sünde uns verwundete.

Der christliche Glaube hat uns den Begriff der Freiheit zurückgebracht. Seither oszilliert unser Verstehen zwischen Freiheit und Gesetz. Wir verrenken uns, um das zu verstehen. Freiheit wird von manchen definiert als vollkommene Gesetzeskonformität und militärische Unterordnung. Wer also blind alles tut, was Gott gebietet, der sei frei. Wir wissen jedoch, dass das unlogisch und unmöglich ist. Die Gottesmutter sagte das erlösende Fiat mihi! (Es geschehe mir!)  zu dem, was Gott wollte und wozu er sie würdigte, aber die Kirche wusste von Anfang an, dass dieser Einklang bei Maria nur gelingen konnte, weil sie bereits erlöst und ohne Makel war. Der Sünder ist nicht imstande, Marias Fiat mihi! in derselben Ungetrübtheit auszusprechen. Andererseits gebührt Maria die hyperdulia (höchste Verehrung), eben weil niemand von uns sich ihre Verfassung auch nur annähernd vorstellen kann… Diese Verfassung bedeutet, dass sie völlig frei, ohne jede Nötigung und – wenn auch gnadenhaft – tatsächlich aus ihrer Person heraus aktiv und willentlich vollkommen übereinstimmte mit dem, was Gott ist und tut. Wir anderen bewegen uns, sofern wir ein Fiat! sprechen, in diesem Äon der Gnade darauf mehr oder weniger langsam zu.

Wie war einst die Verfasstheit Evas?

Paulus schreibt im 1. Timotheusbrief, nicht Adam, sondern Eva sei zur praevaricatio verführt worden. Gemeinhin freut sich der sündhaft verblendete Mann über diese Stelle sehr: Da seht ihr es, die Frau ist schuld, und der arme Mann ist nur das Opfer der Frau… Entsprechende Bibelkommentare finden sich landauf landab von alters her in beschämender und peinlicher Breite, bald könnte man glauben, der Mann habe gar nicht gesündigt… Er sieht sich in seinem Führungsanspruch und seiner Überlegenheit betrogen und hintergangen. Das ist für ihn die Hauptsache beim Thema Sündenfall. Nun denn - alleine diese Sicht offenbart die zähe, offenbar kaum überwindbare Finsternis und Uneinsichtigkeit vieler (nicht aller!) männlicher Herzen.

Nun weiß aber jeder, der die Genesis liest, dass Adam sich natürlich sehr wohl verführen ließ und sündigte, und dass Gott in der Erzählung in Gen 3 ihn sogar hauptsächlich verantwortlich macht und Adams dreiste Vorwürfe gegen die Frau und vor allem den Schöpfer selbst in scharfen Worten zurückweist. Nicht Eva, sondern Adam erntet dort einen Schuldspruch.

Was meint also Paulus hier wirklich, wenn man annehmen will, dass er nicht nur von einer den Mann präferierenden und ihn reinwaschenden Deutung geprägt ist, die das damalige Judentum extrem stark zeichnete?

Zunächst ist der Begriff praevaricatio interessant. Eine praevaricatio meint in der antiken Vorstellung, dass ein Anwalt seine Pflicht verletzt. Das ist die zentrale Bedeutung des Begriffs.
Ein praevaricator ist dementsprechend nach römischem Recht ein ungetreuer Anwalt, der es mit der Gegenpartei hält.
Im Kirchenlatein erhielt der Begriff im Lauf der Jahrhunderte eine Bedeutungsverschiebung und bezeichnete mehr oder weniger undifferenziert „Sünder“ oder „Sünde“. Es ist aber alleine an der Tatsache, dass es einen  Hauptbegriff für Sünde (peccatum) gibt, sichtbar, dass man hier bei der praevaricatio der Frau einen ursprünglichen Sinn zugedeckt und unkenntlich gemacht hat.

Wir können die Anklänge an die schöpfungsgemäße Rolle der Frau vernehmen: sie ist eben nicht „Gehilfin des Mannes“, wie man vermindernd übersetzt hat, sondern nach der Genesis das adiutorium (die Hilfe) oder der adiutor (der Beistand) des Mannes, der ohne sie in einem Zustand war, den Gott als ein non est bonum („Es ist nicht gut.“) bezeichnete (Gen 2, 18). Damit wird eine Unvollkommenheit und mangelnde Gutheit angedeutet, die zwar nicht demn Mann selbst, aber dem Rahmen, in dem er sich (noch) befindet, innewohnt.
Der Begriff des adiutorium oder adiutor wird an zahlreichen Stellen des Alten und Neuen Testaments auf Gott selbst angewandt. Dieselben Übersetzer, die aus der Frau eine mindere, subordinierte „Gehilfin“ machten, haben selbstverständlich nie gewagt, Gott bei gleichem Namen als „Gehilfen des Menschen“ zu bezeichnen. Hier übersetzte man korrekt: Gott ist Beistand, Anwalt, Hilfe. Dieser Gottesname gipfelte in der Rede vom angekündigten Paracletus, dem eigentümlichen Wort, das nur im Neuen Testament überhaupt vorkommt und ebenfalls Beistand, Hilfe, Anwalt bedeutet und den heiligen Geist meint.
Das aber wären die Begriffe und Assoziationen, die der Frau schöpfungsgemäß dem Mann gegenüber zukommen.
Einen weiteren Nachhall dieses Zusammenhangs finden wir in den Namen Mariens. In Maria ist die Frau in ihre ursprünglich, gottgewollte Stellung restauriert und auch da advocata nostra (unsere Anwältin, Fürsprecherin), nicht nur dem Mann gegenüber, sondern wie jede Frau und Mutter allen Menschenkindern gegenüber. Unbewusst erwartet jedermann, dass eine Frau immer Anwältin der Menschen und des Menschlichen ist. Umso größer die Enttäuschung, wenn sie sich den ihr Anvertrauten entgegenstellt oder im Sinne des praevaricator auf die Seite des Gegners schlägt oder dorthin verführen lässt. Die Erbitterung und Verhärtung des Mannes ihr gegenüber hängt eben nicht damit zusammen, dass er würdiger gewesen wäre und sie sich gegen ihn aufgelehnt hätte, sondern in einer Hinsicht damit, dass sie in einer geheimnisvollen Weise Anwältin des Mannes und aller Menschenkinder war und ist und darin versagte.

Wenn Paulus Evas Versagen in dieser ureigenen Rolle anspricht, dann wäre die Bemerkung, nicht Adam sei verführt worden, so zu verstehen, dass Adam in einer Rolle, die ihm nicht zukam, logisch auch nicht versagen konnte, dass aber Eva dann tatsächlich in einem „Vorrang“ (dessen Natur noch bedacht werden wird, s.u.) versagt haben muss, den sie in diesem Äon nur schrittweise wiedergewinnt und in dem sie – das klingt als Befürchtung an - möglicherweise wieder angreifbar wäre. Damit wird dem Mann keine Überlegenheit zugesprochen, sondern eher eine etwas größere geistige Unangreifbarkeit aufgrund der Tatsache, dass er natürlicherweise in seinem non est bonum nicht diese frontalen Angriffsflächen bietet. Die weltweit zu beobachtende größere Neigung der Frau zu geistig-religiösen Dingen scheint eine solche Vermutung empirisch zu bestätigen. Die Tatsache, dass der Mann die Philosophie traditionell als „seine“ Domäne beansprucht und die Frau weitgehend weggetreten hat, sobald sie sich annähern wollte, verzerrt das empirische Ergebnis und ist seit dem freien Bildungszugang der Frau nicht mehr haltbar. Die Neigung zur Religion aber stand beiden Geschlechtern prinzipiell immer frei, auch wenn man der Frau darin jedes machtvolle Amt verweigerte. Umso bedeutsamer die Tatsache, dass der Mann trotz seiner Machtsicherung sich dem weniger zuneigt.

Es steht die Frau nach der Schrift nicht angemaßt, sondern wirklich an der ersten Stelle im Kampf gegen den Bösen (Gen 3, 15). Oft wird dies damit begründet, dass sie schließlich an erster Stelle beim Sündenfall stand und dies nun wiedergutmachen müsse. Wenn man allerdings zugleich annimmt, dass sie schwächer und unwürdiger wäre, ergäbe dies Argument keinen Sinn: Der heldenhafte, für den Vorrang und die höhere Würde geschaffene Mann müsste folglich wiedergutmachen, was die niedrigere Frau verbockt hat. So ist es aber nicht, und das Argument geht darum auch ein wenig ins Leere. Vielleicht ist es anders: Sie hat die schöpfungsgemäße Fähigkeit, und darum hat der Böse auch sie angegangen und nicht den Mann, der wie man in der Erzählung sieht, ohne jedes Nachdenken und seltsam töricht einfach isst, obwohl er weiß, was er isst und obwohl er genau weiß, was er damit tut (wie Gott ihm später vorwirft).

Was aber war eigentlich geschehen?

Ein Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen – was stelle ich mir darunter vor? Haben Adam und Eva vorher nicht gewusst, was gut und böse ist? Alles war gut, sagte der Herr, als er an den Schöpfungstagen die Dinge schuf  (bis auf den Mann ohne die Frau!). Dennoch schlummert in diesem Raum der vollkommenen Gutheit und Schönheit ein Baum, der Träger des Bösen zu sein scheint. Ist aber ein Raum, in dem das Böse latent und keimhaft schlummert, wirklich gut und vollkommen, oder waren nur die einzelnen Werke der Schöpfung anfänglich gut? Oder drückt sich bereits im non est bonum des einsamen Mannes, das erst kurz vor Abschluss der Schöpfung ausgesprochen wird, der interne Makel in irgendeiner Weise aus?
Was könnte das aber heißen? Folgerichtig müsste es heißen: mit der Erschaffung der Frau aus der ersten Ordnung der Dinge, die in einem non est bonum vorläufig enden, wird etwas wie eine „zweite Ordnung“ angedeutet, die aus der ersten generiert wird und die die erste Ordnung überhaupt erst gut und fruchtbar macht. Thomas von Aquin macht sich eingehende Gedanken darüber, wie Gott aus dem doch an sich vollkommen geschaffenen Adam in der „Schöpfung der ersten Dinge“, ohne letzteren zu berauben oder unvollkommen zu machen oder mit Schmerz zu quälen, noch dazu aus einem kleinen Partikel aus dessen Leib einen vollständigen zweiten Menschen kreieren konnte:

„Non habuit prima rerum conditio ut femina omnino sic fieret; sed tantum hoc habuit, ut sic fieri posset. Et ideo secundum causales rationes praeextitit corpus mulieris in primis operibus, non secundum potentiam activam, sed secundum potentiam passivam tantum, in ordine ad potentiam activam creatoris.“ (s.th. I q 92 a. 4 ad 3)

(„Es war in der Schöpfung der ersten Dinge nicht enthalten, dass die Frau vollständig so werden würde, wie sie werden könnte. Und insofern hat der Frauenleib vorherexistiert aufgrund der Ursachengründe in den ersten Werken, nicht aber aufgrund der aktiven Kraft, sondern vielmehr aufgrund der passiven Kraft, der Schaffenskraft des Schöpfers in der Ordnung.“)

Wenn die Frau nicht zum „ersten Werk des Schöpfers“ gehört, also auch nicht zur Pflanzen- und Tierwelt, sondern nur eine „Potenz“ in demselben darstellt, die aber wiederum nur durch die Kraft des Schöpfers – nicht etwa des Mannes oder sonst eines internen Wesens - überhaupt Gestalt annehmen konnte, dann beginnen wir doch zu stolpern: Die Frau also als eine „zweite Schöpfung“, die potentiell in der ersten verborgen liegt – es sind doch atemberaubende Gedanken, die hier erahnbar werden!
Wer kann sich der Ahnung verschließen, dass mit der Frau bereits die neue Schöpfung angekündigt wurde, die die alte, über der eben dieses eigentümliche non est bonum steht, überschreiten wird? Die Frau verbindet alte und neue Schöpfung. Ihre Gestalt, die die des Mannes an Schönheit auch nach dem Fall meist weit übertrifft, weist in eine Sphäre, in die wir nur schemenhaft hindenken können. Dem Mann aber war die Benennung der zeitlichen Dinge aufgetragen (Gen 2, 15 + 19). Wenn Augustinus die Führung der zeitlichen Dinge der Frau als ratio inferior („niedere Vernunft“) zuweist, dem Mann dagegen die Führung der geistigen Dinge der ratio superior („höhere Vernunft“), dann geht das entscheidend an der Beschreibung in Genesis 2 vorbei, die Adam ausdrücklich damit beauftragt, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren und den zeitlichen Dingen Namen zu geben (Augustinus, De trinitate 12. 8).
Die Zugrichtung im Schöpfungsbericht hängt nicht die Frau an den Mann, sondern den Mann an die Frau:

« Relinquet homo patrem suum, et matrem, et adhærebit uxori suæ.. » (Gen 2, 24)

(« Ein Mann wird Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau kleben. »)

Genau dieser Satz wird später von Jesus selbst eindringlich wiederholt und angemahnt, ebenso von Paulus (Mt 19, 5; Mk 10, 6; Eph 5, 31). Mit der Hervorhebung dieses Satzes wird nicht ein Vorrang der Frau im Geschlechterkampf ausgedrückt, sondern eine Richtung des Heilsplanes.

In Goethes berühmten Schlusssätzen des „Chorus mysticus“ in Faust II, 64

„Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.“

wird dieser Sinn anhand einer ausgedehnten Marienvision in Sprache gefasst.
Die Schau des „Doctor marianus“ dort vergegenwärtigt die Himmelskönigin, deren „hehres Gebieten“ ohne jedes Dominanzgehabe oder Befehlen vor sich geht, ohne jede hierarchische Attitüde. Sie steht jenseits jeglicher Hierarchie der Wesen und der Mann folgt ihr, weil das die Richtung ist, die vorgegeben ist und nach oben führt. Adams Fall hängt zweifelsohne mit diesem wahrlich zauberhaften Status der Frau zusammen, in dem sie für schreckliche Minuten im Weltgeschehen auf die Seite des Gegners überwechselte.
Gott kündigt der Frau an, als Folge ihres Falls werde der Mann sie in ihrer Geschwächtheit beim Gebären beherrschen. Herrschenwollen um jeden Preis aber ist seither das qualvolle Dilemma des Mannes, mit dem er unheilvoller Zögling des Fürsten der Welt wurde.

Es ist mir unvergesslich, wie Hannah Arendt in ihrem großen Fernsehinterview mit Günter Gaus von 1964 (kann hier angesehen werden: https://www.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw ) , auf ihre „Emanzipiertheit“ angesprochen, entgegnete, sie sei „altmodisch“ und denke, es „schicke sich nicht, wenn eine Frau Befehle erteilt“. Aus ihrem Mund aber klang hier nicht durch, dass eine Frau sich unterzuordnen hätte, sondern dass es der Würde einer Frau entgegengesetzt sei, zu befehlen. Anders und in meinen Worten: Das Befehlenwollen hat eine Frau nicht nötig! Es ist schlicht unter ihrer Würde. Wer befiehlt, kann nicht überzeugen. Hannah Arendt betonte, dass sie alles, was sie beruflich mache, einfach macht, weil das aus ihr so kommt – und nichts weiter. Sie überzeugte ohne Herrschaftsgehabe und wollte auch nicht anders überzeugen. Das ist die adäquate Haltung der Frau. Nicht die Frau muss um Macht kämpfen, sondern der Mann sollte sich vor seiner notorischen Herrschsucht fürchten und auf Jesus schauen, der jedem Kampf um den Vorrang eine Absage erteilt hat und dem, der dieser dominanzversessenen Gesetzlosigkeit folgt, den Untergang angekündigt hat.

In Gottes ewiger Gegenwart ist das zeitlich Hintereinanderliegende vermutlich „nebeneinander“ oder sogar „ineinander“. Der Schöpfungsbericht geht also bereits von dem aus, was hernach geschah? Oder muss man annehmen, dass Gott sich in seinem Ebenbild einen souveränen Mitregierenden schaffen wollte, mit dessen Hilfe er das zu überwinden gedachte, das sich in dem Baum in medio paradisi schon „vor dem Menschen“ manifestiert hatte?
Dass der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen im Garten Eden steht, wäre somit nicht ein „Test“ für den blind-kindischen „Gehorsam“ des Menschen, sondern ein Zeichen des Standes, den Gott seiner imago (Ebenbild) gab und geben wollte. Der Mensch konnte den Baum ja allzeit ansehen, aber er sollte sich dessen Früchte nicht verinnerlichen und nicht in sich aufnehmen. Gott wollte vielleicht das Böse mit dem Menschen gemeinsam überwinden und hat sich zu diesem Ziel überhaupt eine imago geschaffen.

Eine Welt der Gutheit und Überfülle, der Schönheit und Vollkommenheit und die Inkludierung des Menschen im Licht Gottes – was also, um zu unserer Frage zurückzukehren, bedeutet in dieser ontologischen Verfassung des Menschen die Erkenntnis des Bösen?
Konnte Eva sich darunter etwas vorstellen? Dem Dialog zwischen ihr und der Schlange nach konnte sie es nicht. Sie hatte die Tabuisierung der bösen Baumfrüchte bislang offenbar nicht in Frage gestellt. Der Garten war voller süßer und guter Früchte – wozu sich mit diesem Baum in der Mitte beschäftigen? In der Überfülle der Schönheit und Güte war es zunächst leicht, nicht zu fallen.

Die Schlange stellt in einer ersten Frage die bösen Früchte hinterrücks mit den guten auf eine Ebene, indem sie behauptet, der Mensch dürfe doch womöglich nicht etwa überhaupt keine Früchte kosten – bis heute ein verheerendes Motiv aller ins andere Extrem schießender Moraltheologie: selbst das, was Gott dem Menschen an Lust und Freude schenkt, wird pauschal verdächtigt. Eva erhöht gewissermaßen „folgerichtig“ in einer ersten Verschiebung der Ordnungen reflexhaft das Tabu des Baumes in der Mitte, man muss vermuten, tragischerweise sogar aus gutem Willen und Gehorsam, und behauptet ihrerseits, eifrig um Rettung bemüht, sie dürften diesen Baum nicht einmal berühren. Das überzieht das Gebot Gottes aber, der nur das Essen von dem Baum als gefährlich und todbringend benannt hat. Man kann sogar fragen, ob die Existenz des Baumes im Lebensraum des Menschen nicht sogar von ihm bedacht und hinterfragt hätte werden müssen. Wenn Gott dem Menschen diesen Baum vor die Nase stellt, dann ist es dauerhaft unmöglich, ihn zu ignorieren oder so zu behandeln, als sei er gar nicht da. Wollte Gott, dass der Mensch über den Baum nachdenkt und das Gespräch über ihn mit Ihm, dem Schöpfer, sucht?

Man kann das nur eine tragische Entwicklung nennen: Eva also will tatsächlich am Gebot Gottes festhalten, indem sie es eigenmächtig verschärft, noch einmal extra „nachlegt“. Genau diese Verschärfung verrückt aber das gesamte Gefüge und lässt sie am Ende fallen. Es ist natürlich nicht wahr, dass sie sterben müsste, wenn sie den Baum auch nur berührt! In dieser gutgemeinten Schutz-Lüge nun befangen treibt die Schlange Eva geschickt ins andere Extrem: Nun ja, wenn Du Dich da schon zur Übertreibung hinreißen lässt, gute Frau, dann bedenke doch, ob nicht das Tabu überhaupt übertrieben ist – schließlich gibt es hier etwas zusätzlich zu erkennen und zu wissen, etwas, was nur die Götter wissen, und das will Gott verhindern. In der Antike fasste man den Satz der hebräischen und griechisch übersetzten Schrift, die hier von „elohim“ spricht nicht so auf, als würde dem Menschen in Aussicht gestellt, „wie Gott zu sein“, sondern wie „Götter, die das Gute und Böse wissen“:

« …eritis sicut dii, scientes bonum et malum… » (Gen 3, 5)

(« Ihr werdet sein wie die Götter, Gut und Böse erkennend »)

Man kann daraus entnehmen, dass es nicht darum ging, „wie Gott zu sein“, sondern „wie die Götter“, die bereits wussten, was gut und böse ist. Diese „Götter“ sind nach dem, was wir aus der Tradition wissen, der Satan und seine gefallenen Engel.
Der Stand Evas als imago Dei aber war doch mindestens auf derselben Ebene, wahrscheinlich sogar über diesen Göttern angesiedelt. Warum verlockte sie das also?
Sie war in Unruhe versetzt worden. Eine ungute, geistige Neugier. Ihr erschien das Böse als eine Qualität, die das Gute gewissermaßen ergänzt. Nun muss man fragen, wie irgendetwas das Gute ergänzen könnte? Setzt die Erkenntnis darüber, dass das Vollkommene nicht ergänzt werden kann, voraus, dass man mit dem Bösen in Berührung kam? Wir können dahin nicht denken...

In jedem Fall aber zog in Evas Gedanken die Überzeugung ein, nicht im Guten und Vollkommenen zu leben, manifestiert dadurch, dass dieser Baum nun einmal im Paradies stand. In irgendeiner Weise nahm sie nun ein Defizit an. Diese Meinung fand ihren sachlichen Anhalt an der tatsächlichen Existenz des Baumes, der auch noch mitten im Garten stand. Die Frage, wozu dann direkt daneben der „Baum des Lebens“ steht, wird in der Erzählung vollkommen ausgeblendet. Die Paradieserzählung entwirft mit der Existenz des Todes- und des Lebensbaumes in medio paradisi eine grundsätzlich Anlage des Gartens Eden auf das gesamte Heilsgeschehen hin (Gen 2, 9). Es war schon vor dem Fall also anwesend… Eva nahm das wohl wahr und ihre Gedanken verirrten sich unter dem Diskurs-Diktat der Schlange darin…

Traditionell erheben sich männliche Kirchenschriftsteller gerne über die Frau, weil sie hier gewissermaßen aufgrund einer Blödigkeit und schwachen geistigen Fähigkeit gefallen wäre. Allein – das Problem dürfte hier aufseiten der männlichen Überheblichkeit liegen.
Es ist ersichtlich, dass die Frage, wie in einem vollkommenen, überguten Zustand dennoch dessen Verneinung sichtbar und berührbar, ja sogar konsumierbar sein konnte, in Eva so etwas wie ein jähes Erwachen, Entsetzen und Erbitterung auslöste und den verheerenden Eindruck, von Gott betrogen worden zu sein. Sie nimmt eine Auflösung der Identität zwischen den Dingen und ihren Namen an. In der Folge, um sich in eine positive Sicht zu retten, sieht sie die Früchte nun genauso an wie alle anderen Früchte: als schön und wohlschmeckend, als Ausdruck der Vollkommenheit und Gutheit. Und vor allem: als Erkenntnis erweiternd! Der Genuss der bösen Frucht soll die verlorene geistige Identität wieder herstellen.
Eva kommt durch den Abgrund einer Art „negativen Dialektik“ ins Schleudern.

Der gravierende Punkt der Pervertierung der Haltung Evas ist der Moment, in dem sie das, was mit dem Bösen verknüpft ist, als „schön“ und „wohlschmeckend“, also als „gut“ wahrnimmt und postuliert. Man kann zusammenfassend sagen, dass sie in diesem Moment das Böse mit dem Guten vertauschte und sich zu eigen machte, wenn auch als „Katze im Sack“. Ihr war ganz offenkundig nicht bewusst, dass das "Böse" der Verlust der Vollkommenheit und Gutheit sein würde und keine weitere "Qualität".
Dass Adam mit ihr aß, weist einerseits darauf hin, dass er tatsächlich schöpfungsgemäß nicht die Führungsrolle innehatte, die unter Sünde gerne behauptet wird. Er vertraute vielleicht einfach seinem adiutorium und orientierte sich an dem adiutor. Sein schwerer Fehler war, den Fall des adiutor offenbar vollkommen hirn- und tatenlos mitanzusehen und Gottes Gebot dafür nicht aufgrund einer Verführung (wie Paulus schreibt!), sondern aufgrund einer boshaften Entscheidung mit ungetrübtem Bewusstsein zu opfern. Sein Fall hat eine vollkommen andere Struktur als der der Frau. Genau das wirft der Herr ihm später in scharfen Worten vor. Es ist nicht klar, was in ihm vorging, aber seine Herrschsucht und seine Abwehr gegen den Schöpfer und den adiutor scheint generalisiert auf, als er Gott dreist die Stirne bietet und ihm vorwirft, ihm überhaupt diese socia zugemutet zu haben (Gen 3, 12).

Evas Not, als sie Gott gegenüber zugab, durch die Schlange getrieben, einer Täuschung erlegen zu sein, wird von Gott nicht kommentiert, sondern als Bekenntnis angenommen. Er verurteilt sie nicht und verhängt über sie – anders als über Adam und zuvor die Schlange – tatsächlich keinen Schuldspruch, kündigt ihr aber die tiefe Verwundung ihrer schöpfungsgemäßen Rolle als Frau an: was sie gebiert, gebiert sie unter Schmerzen, denn es führt sie selbst an die unterirdischen Gewässer des Todes. Was sie gebiert ist wie seine Mutter todgeweiht, und der, dessen Beistand und Advokatin sie ist, wird sich aufgrund dieser Schwächung in törichtem Hochmut ergehen und über sie erheben und aufbegehren gegen ihre Rolle und alles tun, um sie unter seine Füße zu treten.
Der Schlange aber setzt Gott die geschwächte Frau als Feindin – nicht den Mann. Der Herr wird in den Schwachen machtvoll, nicht in den Starken, die glauben, des Arztes nicht zu bedürfen.
Und der Frau verheißt der Herr auch den Sieg. Die Frau wird einen „Samen“ haben, der die Schlange zertreten wird. Dieser „Same“ kommt in einer geheimnisvollen und ihrer Schwäche ganz enthobenen Weise doch von ihr oder durch sie, nicht aber durch oder vom Mann:

« ...non ex sanguinibus, neque ex voluntate carnis, neque ex voluntate viri, sed ex Deo... » (Joh 1, 13)

(« …nicht aus dem Blut, und nicht aus dem Willen des Fleisches, und nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott… »)

Großartig hat Gott die Frau abgefunden, das kann keine Frau anders sehen, denn trotz ihres Falls hat er ihr etwas zugesprochen, das sich, wie wir wissen, nach vielen weiblichen Vorläufergestalten im Alten Testament, in Maria vollkommen erfüllt hat.

Die Frau war und ist wohl Zeichen und Unterpfand für die Schöpfung der „zweiten Werke“ Gottes, für die neue Schöpfung, den neuen Himmel und die neue Erde, für das „himmlische Jerusalem“, das Paulus folgerichtig mater nostra („unsere Mutter“) nennt:

« Illa autem, quæ sursum est Jerusalem, libera est, quæ est mater nostra. » (Gal 4, 26)

(« Jene aber, die das himmlische Jerusalem ist, ist frei, sie ist unsere Mutter.“)

Man kann vermuten, dass der Satan zielgerichtet nur die Frau angreifen konnte, eben weil sie diese schöpfungsgemäße Rolle hatte und hat.

Es sind große Geheimnisse, die hier verborgen liegen, und wir rücken ihrer Entschleierung, weil der Herr wiederkommt, täglich näher.

© by Hanna Jüngling






Sonntag, 17. Juli 2016

Sonntagsgedanken - Konnte die Kirche den Fürsten der Welt in diesem Äon unbeschadet ablösen?

In welcher Nachfolge steht die sichtbare, hierarchische Kirche nach dem Selbstverständnis, das in ihr seit mindestens einem Jahrtausend zwar niemals dogmatisch, aber eben doch faktisch in zahlreichen Äußerungen und Einrichtungen dominant werden konnte?

Steht sie in der Kreuzesnachfolge, die bedeutet, dass der Hierarch seine natürlichen Interessen als Mann unter Sünde und auch die vermeintlich "natürlichen", politischen Interessen der Kirche als irdischem Institut vollkommen aufgibt, um den gekreuzigten Herrn sichtbar zu machen?

Wollen diese Männer wirklich, wie Johannes der Täufer, immer mehr verschwinden, damit Christus in ihnen groß und in den Sakramenten objektiv aufscheint und unerschütterliches Zeichen der Treue Gottes ist - aber als der, der in dieser Welt gerade nicht um Macht kämpfte, sondern sein Leben dahingab, um viele zu erlösen, als Opfer? Als das Lamm Gottes?
Christus, der hier nirgends einen Ort hatte, an den er sein Haupt betten konnte?

Ist die Kirche Braut, also wirklich weiblich, in dem Sinne, dass sie gebeugt wird und sich beugen lässt unter die Hand sündhaften maskulinen Dominanzstrebens, das diese verlorene Welt und ihren Fürsten zeichnet, weil Christus, selbst als Mann ins Fleisch gekommen, sich genauso unter die Hand des dominanten Mannes beugen ließ, wie es der Frau als Sündenfolge angesagt war? Er enttäuschte und brüskierte die Erwartungen der damaligen Hierarchie und sogar seiner männlichen Jünger, aber er erfüllte die der Frauen, die ihn ohne spezielle Berufungsgeschichten ganz dicht und wie selbstverständlich umlagerten.
War und ist es nicht ganz so, wie es uns das Protoevangelium der Genesis angekündigt hat?


Wissen wir, dass die Hierarchie der Kirche eine Verfremdung jeder irdischen Hierarchie sein müsste, denn Maria, die Braut, das Weibliche, steht in der Logik des Fürsten der Welt, der die Frau hasst, weil Gott sie an erster Stelle in Feindschaft zu ihm gesetzt hat, unter, philosophisch gesprochen außerhalb und geistig gesprochen über dem Hierarchischen?
Der Herr stellte sich als Mann auf die Seite der Frau in diesem Äon, er nahm ihre "passive Rolle" ein.

Oder erlagen viele der Hirten bis heute dem Wahn, sie müssten als Männer den Fürsten der Welt in diesem Äon ablösen, ja: beerben oder gar mit dessen eigenen Waffen schlagen? Und immer wieder und immer mehr haben diese Männer ihn tatsächlich abgelöst und beerbt und mit seinen Waffen bekämpft - doch zu welchem Preis? Und: haben sie ihn damit wirklich geschlagen? Meinten sie wirklich, sie könnten etwas erreichen, dem der Herr sich doch einst in der Wüste verweigert und was er dem Petrus in dramatischen Worten abgesagt hatte, als er aus seinem ersten Jünger für Momente den Satan sprechen hörte? Der irdische Acker der civitas Dei steht jedenfalls heute zweifelsfrei und schmerzlich voller Unkraut, wie es uns angekündigt wurde.

Das Streben vieler in der Kirche nach Ablösung des Fürsten der Welt in der irdischen Macht ist die tiefste Ursache unserer Verwirrung in ihren mannigfachen, unübersichtlichen Spielarten.

Ist dies ein Aspekt des Geheimnisses des Bösen, das immer mehr offenbar werden soll?

Donnerstag, 16. Juni 2016

Apostolae apostolorum II: Eine namenlose Prophetin des Königreiches Christi



II. Die Salbung des Herrn: Die namenlose Prophetin

Die Frau, die man in der Kirche gerne mit Maria Magdalena identifizierte, mit einer „Hure“ also, obwohl dafür keinerlei sachlicher Grund gegeben ist, wird in den Evangelien in drei bzw. vier verschiedenen Berichten genannt.
Es handelt sich um die Geschichte von der „Salbung Jesu in Bethanien“. Die Erzählung findet sich sowohl bei Matthäus (Mt 26, 6ff), als auch bei Markus (Mk 14, 3ff), als auch bei Lukas (Lk 7, 36). Eine ähnliche Geschichte weist das Johannes-Evangelium (12, 1ff) auf.

In den synoptischen Evangelien ist Jesus zu Gast bei einem Mann namens Simon, der zweimal als (ehemaliger) „Aussätziger“ bezeichnet wird (Matthäus, Markus), einmal als „Pharisäer“ (Lukas). Jesus ist dort zu Tisch eingeladen. In allen Erzählungen tritt eine Frau ein, die in der Hand ein Alabastergefäß mit kostbarem Salböl trägt und Jesus damit salbt. In allen Berichten wird die Frau von den männlichen Jüngern hart kritisiert für die Salbung Jesu, vom Herrn selbst aber verteidigt.

Unterschiede bestehen

1. hinsichtlich des Ortes, der nur bei Matthäus und Markus das Haus des Simon in Bethanien ist. Bei Lukas wird der Ort nicht genannt. Im Johannes-Evangelium wird zwar Bethanien genannt, aber das Haus der Geschwister Maria, Martha, Lazarus und nicht das des Pharisäers Simon.

2. hinsichtlich des Körperteils Jesu, der gesalbt wird. Bei Matthäus und Markus ist es der Kopf Jesu bzw. sein Haar. Bei Lukas sind es die Füße. In der ähnlichen Geschichte in Johannes 12 salbt Maria ebenfalls Jesu Füße.

3. hinsichtlich der Begründung des Unwillens der männlichen Jünger: Bei Lukas ist Simon unwillig, weil die Frau eine stadtbekannte Sünderin sei und Jesus sich durch ihre Berührung unrein gemacht habe. In den anderen Evangelien argumentieren Jünger damit, es sei Verschwendung, ein so teures Öl zu dieser Salbung zu verwenden, und man hätte dafür viel Geld bzw. 300 Denare erhalten und den Armen schenken können.

4. hinsichtlich des Standes der Frau: Während sie bei Matthäus und Markus als anonyme Frau auftritt, im Johannes-Evangelium die Salbende die Gastgeberin Maria ist, berichtet nur das Lukasevangelium, dass der Pharisäer Simon sie als „Sünderin“ betitelt, die in der ganzen Stadt bekannt sei.

Man kann bezweifeln, ob es sich bei den Erzählungen in den synoptischen Evangelien um ein und dieselbe Begebenheit handelt. Der Grund liegt darin, dass im Lukas-Evangelium die Begebenheit sehr früh berichtet wird. Sie fällt in die Zeit, in der Jesus im Land unterwegs ist und zum Befremden vieler frommer Juden mit den Sündern keinerlei Berührungsängste aufweist. Johannes der Täufer scheint zu dieser Zeit ebenfalls noch aus dem Kerker heraus zu wirken (Lk 7, 18 ff). In den Erzählungen bei Matthäus und Markus dagegen findet das Zusammentreffen Jesu mit der Frau wenige Tage vor seinem Tod statt. Bei Matthäus sagt Jesus selbst, „in zwei Tagen“ beginne das Pessachfest, und da werde er gekreuzigt werden (Mt 26, 2). Auch Markus beginnt seinen Bericht über die Salbung Jesu mit dem Hinweis, es sei zwei Tage vor Pessach gewesen. Die Erzählung im Matthäus- und Markus-Evangelium weist daher die größten Übereinstimmungen auf, und auf sie will ich mich im Folgenden konzentrieren. Die Erzählung im Johannes-Evangelium hat zwar ähnliche Züge, kann aber alleine schon aufgrund der völlig verschiedenen Gastgeber und Namen nicht „objektiv“ dieselbe Geschichte sein. Der Gedanke liegt selbstverständlich nahe, dass alle vier Erzählungen aus einem und demselben Gut schöpfen. Ob die „Sünderin“ Maria von Bethanien sein könnte, ließe sich zur Not aus den Evangelien rekonstruieren, nicht aber die Identifikation mit der Lieblingsjüngerin Jesu. Eine Verbindung dieser vier Erzählungen zu Maria Magdalena gibt es im Neuen Testament nicht. Als Salbende tritt Maria Magdalena vielmehr erst auf, als Jesus im Grab ist. Früh am Morgen eilt sie zum Grab und will den Leichnam salben (Mk 16, 1). Es spricht nichts dagegen, dass Jesus mehrfach in verschiedenen Situationen durch Frauen gesalbt wurde.

Die namenlose Frau, die nach Matthäus und Markus auf das Gastmahl bei Simon, dem Aussätzigen kommt, ist symptomatisch für die Geschehnisse um den Opfertod Christi.
Es ist eine Frau, die eine Schlüsselrolle innehat. Ihre Anonymität lässt sie als exemplarisch für die Frau überhaupt erscheinen. Sie tritt offenbar überraschend und ungebeten ein und salbt das Haupt Jesu. Dem Unwillen der Jünger begegnet Jesus mit dem Hinweis darauf, dass diese Frau etwas Prophetisches getan habe: sie habe ihn für sein Begräbnis gesalbt. Und wo das Evangelium verkündigt werde, werde man ihrer Tat gedenken.

Was bedeutet das?

Die Frau, die man im Judentum aus allem Heiligen und aus der Beschäftigung mit der Thora ausgegrenzt hat, tritt hier also ungebeten ein – ein Rabbi und (wahrscheinlich) ein Pharisäer hatten sich getroffen. Die Frau tritt einfach hinzu. Während Jesus Männer ausdrücklich berief, ist bei keiner einzigen Frau davon die Rede. Sie hängen sich von sich aus an Jesus oder treten einfach ungebeten hinzu. Und der Herr lässt sie kommen und steht dafür ein, dass sie es dürfen. Ähnlich wie bei den verachteten Kindern wehrt er den Unwillen der Männer ab, denen eher so etwas wie ein „Arkanprinzip“ vorschwebt: „Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab. Doch Jesus sagte: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.“ (Mt 19, 13b+14)

„Talium est enim regnum cælorum.“ – „Solchen gehört nämlich das Himmelreich.“ Solchen - das kann man auch auf die Frauen übertragen...
Die Frau tritt also überraschend, ungebeten und absolut zielstrebig ein. Sie weiß ganz genau, was sie vorhat. Doch welches Motiv könnte sie haben?

Salbungen mögen kosmetische Zwecke gehabt haben, aber diese Situation hat keine Merkmale einer „Badezimmer“- oder „Beauty-Salon-Situation“.  Rituelle und auch überraschende Salbungen gebühren nur Königen und Propheten. 

Der „Gesalbte“, der „Maschiach“, dessen griechische Übersetzung „Christus“ lautet, ist ein Gesandter oder Erwählter Gottes, ja, sogar der erwartete Retter der Welt. 

Diese Salbung Jesu erinnert in ihrer Plötzlichkeit an die, die einst der Prophet Samuel auf Geheiß des Herrn an dem Knaben David vollzogen hatte. In 1. Samuel 16 wird uns berichtet, wie Samuel vom Herrn gesandt ins Haus Isais eintritt, die Leute auffordert, sich mit ihm auf ein Opfer vorzubereiten. In einem inneren Dialog zwischen Gott und Prophet wird ihm angewiesen, nach einem etwa noch nicht aufgetretenen weiteren Isai-Sohn zu fragen. Man lässt den jungen David von der Schafweide holen. Gott gibt Samuel ein, diesen zum König zu salben. Der Prophet macht auch hier keine weiteren Umstände und salbt David inmitten der Familie kurzerhand zum König.
Diese Situation steigt auf, wenn man die Geschichte von der Salbung in Bethanien liest. 

Die Frau tritt ein, trägt ein geradezu sündhaft teures Salböl in der Hand und vollzieht ohne langes Federlesens das, was keiner der Männer, auch nicht des Zwölferkreises, für nötig befunden hätte, nämlich die Salbung Jesu zum König und Retter. Sie spricht kein Wort. Sie vollzieht gestisch, was keiner öffentlich zu sagen wagt: 
Dieser ist der Gesalbte des Herrn, er ist der Herr und König über des All, denn alles ist durch ihn gemacht.

Seine Salbung ist hier eine Salbung zum wahren König der Welt, zum verborgenen König, und es ist symptomatisch, dass nicht irgendein stolzer, hochgestellter Mann diese Salbung Jesu für das verborgene Reich Gottes vornimmt, sondern eine Frau, deren Name uns nicht einmal bekannt ist. 
Wie es die Gottesmutter im Magnificat schon sagt: Die Niedrigen erhebt er, die Mächtigen stürzt er, die, die den Luxus innehaben, die stürzt er, an allen Schlüsselstellen wendet sich der Herr zuerst an eine Frau: er lässt sich durch die niedrige Magd gebären, er offenbart zuerst der Elisabeth, wen Maria im Leib trägt, er erscheint zuerst Maria Magdalena und anderen Frauen am Grab, und er lässt sich von einer Frau zum verborgenen König salben. Damit wird das gesamte antike System vor den Kopf gestoßen.
 
Die Geschichte hat allerdings neben dieser ersten Tiefenschicht noch eine zweite, darunter liegende Tiefenschicht: Der Herr wird getötet werden und die Salbung ist auch die für einen, der zu Grabe getragen wird. Das sagt er selbst den Jüngern: „Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt.“ (Mk 14, 8)  

Mit der Salbung Jesu zum König in diesem Äon und mit den kostbarsten Mitteln dieses Äons also wird auch zugleich sein Tod angesagt. Es ist tiefgründig, was hier erzählt wird und passt zum Machtverzicht Jesu, als er der Versuchung zur Macht in der Wüste widerstand:
Jesus ist der König des Alls, weil durch ihn alle Dinge gemacht sind, aber er stirbt der pervertierten Macht in dieser Welt, ja, er geht an ihr und mit ihr förmlich zugrunde. So erhält das, was dem König gebührt, einen verfremdeten Charakter.
Die männlichen Jünger erfassen nicht, dass es hier um die Salbung des sterbenden Königs in der sterbenden Welt geht und halten es für „Verschwendung“.

Warum sollte man für immer der Tat dieser Frau gedenken, wenn sie nur eine der vielen Nettigkeiten, meinetwegen Liebeserweise oder Opfer durch Frauen für Jesus gewesen wäre? Jesus sagt voraus, dass man niemals mehr vergessen werde, was sie getan hat. Das heißt: Bis er kommt, soll man über diese Geschichte nachdenken und begreifen, was sich damals abgespielt hat. Denn dies hier ist eine Schlüsselerzählung für das rechte Verständnis des Reiches Gottes.
Eine Frau wurde zur Prophetin der Königsherrschaft Christi, die mit seiner Inkarnation für alle Welt sichtbar begann, durch das Grab ging und ein Äon lang ihre Kinder sammelt, um im himmlischen Jerusalem mit ihm für immer zu regieren, als selbst mit seinem heiligen Namen Gesalbte:

„Sie werden sein Angesicht schauen und sein Name ist auf ihre Stirn geschrieben.“ (Apk 22, 4)

Mittwoch, 15. Juni 2016

Apostolae apostolorum I: Maria Magdalena und andere Frauen als erste nachösterliche Gesandte des Herrn



Apostolae apostolorum

Maria Magdalena und eine namenlose Prophetin

I. Maria Magdalena und andere Frauen

Die katholische „Tradition“, Maria Magdalena mit der anonymen „Sünderin“ und Maria von Bethanien zu identifizieren, wurde weder von den Christen der ersten Jahrhunderte geteilt, noch ist sie nach moderner theologischer Forschung haltbar.

Die gesamte Ostkirche kennt Maria Magdalena als die, die in den Evangelien namentlich überliefert ist. Und dies zeichnet sie als die bedeutendste weibliche Jüngerin Jesu, der er sieben Dämonen ausgetrieben hat (Lk 8, 2), die Jesus finanziell unterstützt, die (zusammen mit anderen Frauen) mit ihm den Kreuzweg geht, unterm Kreuz steht und als erste ans Grab eilt.

Und vor allem ist sie nach dem Johannes-Evangelium in einem ausführlichen Bericht (Joh 20, 11-18), nach dem Matthäus-Evangelium (Mt 28, 9) und nach dem Markus-Evangelium (Mk 16, 9) eindeutig der erste Mensch, dem sich Jesus als Auferstandener zeigt.
Dieser Befund in den kanonischen Evangelien ist so unmissverständlich, dass man sich einige Fragen stellt angesichts der Tatsache, dass die Kirche diese Tatsache in der Abfolge der Evangelien-Lesungen in der Osteroktav förmlich unterdrückt hat und zuerst die Erscheinung des auferstandenen Herrn vor allen in Frage kommenden Männern, selbst den Emmaus-Jüngern, vorträgt, bis sie dann endlich am Donnerstag nach dem Ostersonntag den Bericht über die Begegnung Marias mit Jesus, den sie zuerst für den Gärtner hält, als Schlusslicht rezitieren lässt. Sie setzt an den Anfang der Lesungen denjenigen Bericht, der bei der Entdeckung des leeren Grabes durch die Frauen abbricht und verschweigt, wie es gleich danach weiterging, so, als habe der Auferstandene die Frauen, die sich zuerst an sein Grab bemühten, übergangen und sich erst den Männern, die nicht von sich aus an sein Grab kamen, gezeigt und danach erst die Frauen gewürdigt.

Zu dieser Unterdrückung der wahren und in den Evangelien dreifach bezeugten Vorgänge passt auch die Aufschäumung Maria Magdalenas zu einer Ex-Hure oder Hetäre, die den Rest ihres Lebens im Fellgewand oder in Lumpen wegen ihrer schlimmen Sünden verbracht habe. 

Carlo Crivelli: Maria Magdalena 1476

 Die abendländische Kunst kennt sie als schöne, vergeistigte Frau, aber auch als extrem aufreizend gezeichnete und sinnliche Frau und zugleich auch als teilweise immer noch ansehnliche oder vollkommen zur Vogelscheuche mutierte Büßerin. Ihre Identifizierung mit der „stadtbekannten Sünderin“ (Lk 7, 36 ff), geht auf Gregor den Großen im 6./7. Jh zurück, der dafür allerdings keine sachlichen Gründe angeben kann. Er reimt sich das so zusammen, weil er in den sieben Dämonen, die Jesus der Maria ausgetrieben hat, die sieben Laster zu erblicken glaubt. Seine Schlussfolgerungen sind nach logischen und sachlichen Kriterien haarsträubend.[1] Die Predigt Gregors des Großen scheint alles dafür zu tun, um Marias Ansehen herabzusetzen und sie unter dem Deckmantel der Beschreibung einer reuigen Sünderin vor allem aller denkbaren Sünden überhaupt erst anzuklagen und sich daran zu weiden.

Tizian: Maria Magdalena als Büßerin 1533


Eine weitere Identifikation Maria Magdalenas mit Maria von Bethanien (Lk 10, 38 ff), die sich von Jesus lehren ließ und der Jesus dies als das „Bessere“, das sie „erwählt“ habe, unbedingt gegen eine angeblich wichtigere Haushaltspflicht und Sorgepflicht zuerkennt, ist genauso unhaltbar und geht aus den Evangelien mit keinem Wort hervor.

Donatello: Maria Magdalena 14. Jh


Von dieser Verzerrung durch Gregor den Großen leiten sich alle schlüpfrigen Legenden über Maria Magdalena ab, die heute ihren einsamen Gipfel in der romanhaften Überzeichnung Maria Magdalenas als der Liebhaberin oder Ehefrau Jesu erhalten haben. Man unterstellt – Ironie der Geschichte - der Kirche, sie habe genau diese sinnliche Tradition unterdrückt. Diese Wendung der Maria-Magdalena-Traditionen ist die faule Frucht jahrhundertealter kirchlicher Verzerrungen und führt uns vor Augen, wohin solch fahrlässige und vor allem frei erfundene Lehren wie die des Papstes Gregor führen können… Die Sünder in der Hierarchie der Kirche jedenfalls erhalten in Romanen wie „The Da Vinci Code“ von Dan Brown, in dem Maria Magdalena sinnliche Frau Jesu sei und der leibliche „heilige Gral“ nur einen Denkzettel für die Verzerrungen und Legenden, deren Samen sie doch selbst in die Welt gesprüht hatten. Schmerzlich ist vor allem, dass damit durch die Hierarchie einer der vielen scheinbaren Makel auf die heilige Kirche gebracht wurde, und dass die Welt längst die Bedeutung einer Apostelin „aufgespießt“ hat, die die Kirche nicht anerkennen wollte, obwohl die Evangelien sie doch darstellen und die frühe Kirche dies – neben der aufkeimenden Unterdrückung - noch so tradiert. Hinzugekommen sind in jüngerer Zeit verschiedene Schriftfunde frühchristlicher Texte, in denen Maria Magdalena ebenfalls als bedeutendste Jüngerin und Apostelin beschrieben wird.[2]

Jules-Joseph Lefebvre: Maria Magdalena 1876


Es ist daher vollkommen richtig und eine große Freude, dass Franziskus den Gedenktag Maria Magdalenas nun zu einem Fest erhebt.[3]
Für diesen Festtag wurde ein Präfation erstellt, die Maria Magdalena folgendermaßen würdigt:

„Qui in hortu maniféstus appáruit Maríæ Magdalénæ,
quippe quae eum diléxerat vivéntem,
in cruce víderat moriéntem,
quæsíerat in sepúlcro iacéntem,
ac prima adoráverat a mórtuis resurgéntem,
et eam apostolátus offício coram apóstolis honorávit
ut bonum novæ vitæ núntium
ad mundi fines perveníret.“
[4] 

((Jesus Christus), der im Garten - wie geschrieben steht – Maria Magdalena erschienen ist,
die ihn als Lebendigen geliebt hat
die ihn am Kreuze sterben sah,
die den suchte, der ins Grab gelegt worden war,
und als Erste den von den Toten Auferstandenen angebetet hatte,
hat sie geehrt mit dem Aposteldienst an den Aposteln selbst,
damit die frohe Botschaft des neuen Lebens
an die Enden der Welt durchdringe.)

Fra Angelico: Noli me tangere 1440
Der begleitende Artikel von Erzbischof Arthur Roche, dem Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, benennt im Schlussabsatz die Gleichwürde des Apostelamtes der Maria Magdalena:

„Sie ist Zeugin des auferstandenen Christus und verkündet die Botschaft von der Auferstehung des Herrn wie die übrigen Apostel. Daher ist es richtig, dass die liturgische Feier dieser Frau denselben Grad eines Festes erhält, den die Apostelfeiern im Römischen Generalkalender erhalten haben und dass die besondere Sendung dieser Frau herausgearbeitet werde, die Beispiel und Modell für jede Frau in der Kirche ist.“ [5]

Maria Magdalena belehrt die Apostel, England 12. Jh

Die Rede Maria Magdalenas davon, dass sie den „Herrn“ (den Kyrios) gesehen habe (Joh. 20, 18), legitimiert sie bereits im biblischen Kontext als „apostola“ im selben Sinne, mit dem auch Paulus später in 1. Kor. 9, 1 sein Apostelsein „außerhalb der zwölf Jünger“ als gleichwertiges Apostolat legitimiert. Den Titel der „apostola (apostolorum)“ haben ihr daher einige Kirchenlehrer unbefangen gegeben – nach Hippolyt von Rom oder Rabanus Maurus selbst noch Thomas von Aquin.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass in der altkirchlichen Auffassung die apostolische Beauftragung der Maria Magdalena nicht nur ihr, sondern allen Frauen erteilt wurde, die mit ihr im Grabesgarten unterwegs waren. Hieronymus äußert sich eindeutig:

„Mihi tantum (…) sufficiat, Dominum resurgentem primum apparuisse mulieribus, et apostolorum illas fuisse apostolas, ut erubescerent viri non quaerere, quem iam fragilius sexus invenerat. »[6]

(Mir genügt es, dass der auferstandene Herr zuerst Frauen erschienen ist, und dass sie Apostelinnen der Apostel waren, damit die Männer schamrot würden darüber, dass sie nicht gesucht hatten, den das zerbrechlichere Geschlecht schon gefunden hatte.)

Oliver Achilles[7] hat in altkirchlichen Dokumenten eine Stelle aus einem Kommentar Hippolyts von Rom zum Hohenlied gefunden, der ebenfalls davon ausgeht, dass der Auftrag an Maria Magdalena an mehrere Frauen erging und daher als generalisiertes Apostelamt allen Frauen gilt, die von Jesus persönlich beauftragt werden:

„Ein gutes Zeugnis offenbaren uns jene, die Apostel wurden für die Apostel, gesandt durch Christus. Zu denen zuerst die Engel sagten: ‚Gehet und saget den Jüngern: Er geht vor euch hin nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen.‘ Und damit jene Apostel nicht zweifelten an den Engeln, so begegnete den Apostel Christus selbst, damit diese Frauen seien Apostel Christi und durch Gehorsam das erfüllten, was mangelte der alten Eva. Von nun an werden sie, gehorsam gehorchend, als vollkommene erscheinen.“[8]

Im Kommentar Hippolyts findet sich auch folgender Ausruf:
O selige Tröstung! Eva wird Apostel genannt!“

Auch diese Formulierung versteht das, was Maria Magdalena empfängt, als ein Apostelamt für jede Frau, die von Jesus selbst gesandt wird.
Die echte Tradition Maria Magdalenas also lässt uns erahnen, dass Jesus es sich nicht nehmen lässt, Frauen zu beauftragen, die den männlichen Aposteln etwas anzusagen haben, ohne dass letztere dies zuvor oder danach bestimmen könnten.
Hippolyt weist darauf hin, dass auch in der Erzählung der Evangelien die männlichen Apostel dem Aposteldienst der Frauen nicht glauben. Sie sind zu stolz, und Hippolyt beschreibt ihren Hochmut mit drastischen Worten und illustriert, wie Jesus dadurch, dass er, obwohl sie den Gesandten Jesu – also den Frauen - nicht glaubten, ihnen dennoch erschien, sich ihres Kleinglaubens erbarmt und sie zugleich kritisiert:

„Und darum hielten sie (die Männer) sie (die Frauen) für Verirrte. Damit sie aber nicht wiederum als (…) Verirrte, sondern als die Wahrheit Redende sich erweisen, erscheint ihnen Christus an der Stelle und spricht: ‚Friede sei mit euch!’ Womit er dies als wahr zeigte: Als ich den Frauen erschien, (sie) zu euch sendend, habe ich (sie) als Apostel senden gewollt.“[9]

Hippolyt kann sich dabei auf das Markus-Evangelium stützen, in dem beschrieben wird, wie Jesus die Verstocktheit der männlichen Jünger gegen die Frauen verurteilt:

"Später erschien Jesus auch den Elf, als sie bei Tisch waren; er tadelte ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten." (Mk 16, 14)

Diese frühschristlichen Haltungen offenbaren, dass man damals ein Apostelamt der Frau für wahr und gleichwürdig hielt, wenn auch nicht im Sinne des Priesteramtes und das Problem, dies anzuerkennen, eindeutig beim Stolz des Mannes sah.
Bemerkenswert ist daran also nicht, dass man damit ein Frauenpriestertum rechtfertigen könnte. Bemerkenswert ist vielmehr, dass es ein Apostelamt gibt, das dem der Apostel vorgelagert ist und der direkten Begegnung mit Jesus entspringt. Diese Begegnung darf vom „Lehramt“ nicht leichtfertig und im Hochmut des klerikalen Amtes für „untergeordnet“ erklärt werden. Wenn es vom Herrn selbst kommt, ist es nicht unter-, sondern übergeordnet.

Die Frage wäre, wie man hier ein falsches von einem rechten weiblichen Apostelamt unterscheiden kann.
Diese Frage stellt sich aber, wenn man sich nicht beirren lässt von maximalistisch-infallibilistischen Irrlehren, auch beim formellen Apostelamt. Und die rigide Behauptung, die Hierarchie mache alleine schon deshalb alles recht, weil sie die Hierarchie ist, ist durch die Geschichte und vor allem den aktuellen Zustand der Kirche auf beschämendste widerlegt.



[1] Die aber, welche Lukas eine sündige Frau, Johannes aber Maria nennt [Joh 12,3], halten wir für jene Maria, von welcher Markus versichert, dass ihr sieben Dämonen ausgetrieben wurden [Mk 16,9; Lk 8,2= Maria Magdalena]. Und was wird mit diesen sieben Dämonen bezeichnet, wenn nicht sämtliche Laster? Denn da die ganze Zeit durch sieben Tage zusammengefasst wird, dann wird richtigerweise mit der Siebenzahl eine Gesamtheit bezeichnet. Sieben Dämonen also hatte Maria, die voll von allen Lastern war. Aber siehe: Weil sie die Flecken ihrer schändlichen Lebensweise ansah, lief sie, um sich zu waschen zu der Quelle der Barmherzigkeit und errötete auch nicht vor der Tischgesellschaft. Denn da sie sich in ihrem Inneren zutiefst schämte, meinte sie, es gebe nichts, wofür sie sich äusserlich schämen müsste.
Was also wundern wir uns, Brüder, ob der Herr, als Maria kommt, sie aufnimmt? Soll ich sagen, er nimmt sie auf oder – er zieht sie? Ich sollte besser sagen, er zieht sie und nimmt sie auf, da er sie sicherlich selbst in seiner Barmherzigkeit im Inneren an sich gezogen, sie äusserlich mit Sanftmut aufgenommen hat. Aber wenn wir jetzt den Text des heiligen Evangeliums durchlaufen, sollen wir auch die Reihenfolge beachten, in der sie gekommen ist, um geheilt zu werden.
Sie brachte eine Alabasterflasche von Salböl, stand hinten zu den Füßen Jesu und begann, seine Füsse mit Tränen zu benetzen; sie trocknete mit ihren Haaren seine Füsse, küsste sie und salbte sie mit dem Salböl.. (Lk 7,37c-38)
Es ist klar, Brüder, dass die Frau, die früher auf unerlaubte (unmoralische)Taten ausgerichtet war, das Salböl für den Duft ihres Fleisches selbst verwendete. Was sie also schändlich für sich verwendet hatte, das brachte sie jetzt Gott. Mit ihren Augen hatte sie Irdisches begehrt , nun aber beweinte sie zerknirscht und voll Reue ihre Augen. Die Haare hatte sie zur Zierde ihres Gesichtes verwendet, nun aber trocknete sie damit ihre Tränen. Mit dem Mund hatte sie hochmütig geredet, küsste aber die Füsse des Herrn und presste ihn auf die Fusssohlen ihres Erlösers. Wie viele Vergnügungen sie in sich hatte, so viele Opfer erlangte sie von sich. Sie verwandelte die Zahl ihrer Vergehen in die von Tugenden, um Gott mit Leib und Seele in Busse zu dienen, so weit sie schuldhaft von sich aus Gott verachtet hatte.« (MPL LXXVI 1239-1240 MÜ – entspricht S. 83 in der PDF-Datei).

[2] Silke Petersen: Maria aus Magdala. 2011. Kapitel 3 „Apokryph gewordene Schriften des frühen Christentums“ https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/maria-aus-magdala/ch/ddd3d9408b85e07c1c25b5601caaaae0/#h8 (15.6.2016)
[6] Hieronymus: Kommentar zum Propheten Zefanja, Prolog. In: S. Eusebii Hieronymi Commentariorum in Sophoniam prophetam. Liber unus. Prologus, digitalisiert hier: http://www.documentacatholicaomnia.eu/02m/0347-0420,_Hieronymus,_Commentariorum_In_Sophoniam_Prophetam_Liber_Unus,_MLT.pdf (15.6.2016)
[8]) G. Nathanael Bonwetsch: Hippolyt’s Kommentar zum Hohenlied auf Grund von M. Marr’s Ausgabe des grusinischen Textes herausgegeben. Leipzig 1902, S. 67 ff
in: Akademie der Wissenschaften, Berlin, Kommission für spätantike Religionsgeschichte: Oscar von Gebhard und Adolf Harnack (Hg.): Texte und Untersuchungen zur altchristlichen Literatur, Neue Folge achter Band. Der ganzen Reihe Band 23. Heft 2
Digitalisiert hier: https://archive.org/details/texteunduntersuc23akad (15.6.2016). Im Buch S. 63 ff
[9] A.a.O. S. 70

Samstag, 11. Juni 2016

Die Frauenkrise VII: Papolatrie, Führerzentrierung und Maskulinismus

3.6. Faschistische Verweltlichung und Glaubensabfall



Die postmoderne weibliche Irritation in der Kirche ist nicht Ursache der Kirchenkrise, sondern deren langfristige Folge. Die wahre Hoch- und Wertschätzung, Gerechtigkeit und Liebe der Frau gegenüber ist einer der Seismographen der Rechtgläubigkeit. Wer dem Herrn nachfolgen will, muss ihn in seiner Haltung der Frau gegenüber nachahmen, oder er folgt dem Widersacher nach.
Wer die Frau „untergeordnet“ sehen will, hasst die Kirche und will sie beherrschen. Dieser Impuls, über die Kirche zu herrschen, kennzeichnet aber sowohl gewisse Staatsgewalten als auch das Papsttum und die Hierarchie selbst: beide wollen sie die Seelen (die „Braut Christi“) dominieren und die Hierarchie des 19. und frühen 20. Jh forderte nach jesuitischer und teilweise franziskanischer „Kadaver“-Ideologie absoluten und blinden Gehorsam der Gläubigen – gegenüber der Hierarchie! Die Hierarchie hat sich selbst und insbesondere das Papsttum als „gottgleich“ dargestellt und den Gläubigen eingeimpft, wenn sie dem Papst blind gehorchten, gehorchten sie Gott. Es ist mir unbegreiflich, dass so weite Teile der konservativen Katholiken den hellen Wahnsinn, der in diesem Anspruch steckt, nicht begreifen: das ist nicht die Freiheit Christi, die hier propagiert wird, sondern ein katholischer Islam oder ein faschistisches Führerprinzip.
In Rom sitzt seit dem Vaticanum I spätestens ein römischer Augustus, der sich selbst vergötzt hat. Sätze wie „La traditione sono io!“ („Die Tradition, das bin ich!“)[1] von Pius IX. oder das Eintrichtern der absoluten Papstliebe als Synonym für „Gottesliebe“ bei Pius X. in folgendem Satz: „Wie muss man den Papst lieben? Wer liebt, der gehorcht. Wer den Papst liebt, diskutiert nicht. Der Papst ist das Haupt, von dem niemand sich tyrannisiert zu fühlen braucht, denn er repräsentiert Gott, er ist der Vater par excellence, der in sich alles vereint, was liebenswert, heilig und göttlich ist“[2] klingen einem gesunden katholischen Empfinden als maßlos und übertrieben.

Nicht die Frau hat sich irgendetwas angemaßt, wie Traditionalisten gerne behaupten (Wo denn? Und wann denn? Etwa weil sie nun gleiche Bürgerrechte haben? Oder wählen gehen dürfen?!), sondern der Mann setzt sich generell und insbesondere der Frau gegenüber mit Gott gleich. Die Frau ist die Projektionsfläche maskuliner Selbstherrlichkeit. Am Verhalten zu ihr offenbart sich, wes Geistes Kind ein Mann ist.
Diese Haltung, dieser Anspruch, diese maskuline Selbstvergötzung ist der Auslöser der Kirchenkrise.
Man kann es einmal zugespitzt sagen: Frauen, die sich als Zeichen ihrer geistlichen Minderwertigkeit und Unterordnung unter … den Mann ...  verschleiern, drücken damit aus, dass der Mann das „velamen“ ist, das sie sich vor die Augen hängen, um Jesus nicht mehr sehen zu müssen. Mein Herr hat nicht gesagt: Folgt dem Petrus, er ist der „Vater par excellence“, sondern er mahnte Petrus: „Du folge mir nach!“ (Joh 21,22) und „Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist.“ (Mt. 23, 9) Es erschreckt mich, wenn ich an die Wehe-Worte Jesu an die Schriftgelehrten und Pharisäer denke. Das ganze 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums erinnert an die römische Hierarchie, durch die Papstvergötzung aber vor allem an dies:

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.“ (Mt 23, 13)

Es ist eine hauchdünne Linie zwischen berechtigter Verwerfung der Lüge und der Verketzerung der Wahrheit. Die einfache Gleichung: „Wahr und göttlich ist alles, was der Papst sagt“, die sich Päpste wie Pius IX. oder Pius X. angemaßt haben, ist selbst häretisch. Ein kurzer – redlicher - Blick in die Kirchengeschichte offenbart Abgründe von schweren Sünden, Fehlentscheidungen und sogar regelrechten Irrtümern durch Päpste. Wie konnte man also so leichtfertig den Papst zu einem magischen Fetisch aufbauen?

Der Papst mag väterliche Eigenschaften haben und den Vater im Himmel als seinen Herrn unbedingt achten und alles tun, um dessen Reich kommen zu lassen, aber der „Vater par excellence“ kann er niemals sein, denn gerade das „par excellence“ kommt eben nur dem Vater im Himmel zu. Das wahre christliche Vaterbild hat der heilige Josef gelebt: er verschwand vollkommen, wurde unsichtbar, gerade das, was der Mann so kategorisch von sich weist und der Frau abpressen will – das wäre echte väterliche Autorität. Man kann ohne zu zögern sagen, dass es zahllose Priester mit einer solchen Haltung gab und auch noch gibt: sie haben sich weggeschenkt an Jesus, um ihn „im Fleisch sichtbar bleiben zu lassen, bis er kommt“. Von Päpsten kann man das erheblich seltener sagen… Ein Papst, von dem man nichts sieht, wenn man auf ihn schaut, der den Menschen den Weg freigibt, förmlich „aus dem Weg geht“, damit sie Christus finden, der als Wegzeichen am Wegrand fungiert, der wie der gute Hirte nicht voran-, sondern hinter den Schafen geht – das wäre das „echte“ Papstamt. Der „Fels Petrus“ ist nicht der „Grundstein“ und nicht das Fundament der Kirche, denn das kann nur Christus selbst sein, sondern der „Schlussstein“ des Torbogens aus vielen lebendigen Steinen in den Himmel hinein. Dieser Schlussstein ist in jedem Rundbogen unerlässlich und wichtig, aber er ist nicht der Stein, auf den das Gebäude gegründet wäre. Der „Eckstein“ ist nach dem mannigfachen Zeugnis der Schrift Jesus selbst! Ein „Eckstein“ ist ein Stein, der größer und schwerer ist als die anderen Steine. Er wird in die Ecke eines Natursteinmauerwerks eingebaut. Auf ihm ruht der Zusammenhalt und die Stabilität des ganzen Gebäudes. Ein Eckstein thront nicht über allem, sondern stützt von unten her. Die Kirche besteht aus lebendigen Steinen. Es ist der erste Papst, der davon spricht: Petrus. Er schreibt nicht davon, dass er der Chef und der Fels “par excellence“ sei und alle zu ihm schauen müssten, sondern er sagt etwas anderes:

„Ad quem accedentes lapidem vivum, ab hominibus quidem reprobatum, a Deo autem electum, et honorificatum :
et ipsi tamquam lapides vivi superædificamini, domus spiritualis, sacerdotium sanctum, offerre spirituales hostias, acceptabiles Deo per Jesum Christum.
Propter quod continet Scriptura : Ecce pono in Sion lapidem summum angularem, electum, pretiosum : et qui crediderit in eum, non confundetur.(1. Petrus 2, 4 f) 

(„Zu diesem lebendigen Stein eilt hin, von den Menschen ist er verworfen, bei Gott aber erwählt und geehrt: und zu ebensolchen lebendigen Steinen baut euch auf, zu einem geistlichen Haus, zu einem heiligen Priestertum, um geistliche Opfer zu bringen, die Gott gefallen durch Jesus Christus. Deswegen heißt es in der Schrift: Seht, ich lege in Zion einen höchsten, auserwählten, wertvollsten Eckstein: und wer an ihn glauben wird, der wird nicht durcheinander gebracht werden.“)

Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder durch das Schriftwort den Blick für das schärfen lassen, was der Glaube bedeutet: er bedeutet keine Papolatrie und keine Hoffnung auf den Papst, sondern alleine auf Jesus Christus. Der Papst hat ein Amt, und es besteht darin, die Herde zu weiden, Menschen zu fischen und vor allem: Jesus radikal nachzufolgen. Und ob er das tut – das zu beurteilen hätte man niemals in dieser totalitären Weise tabuisieren dürfen. Die Folge dieser Tabuisierung ist der große und institutionell erzwungene Glaubensabfall.

Wenn die Priesterbruderschaft St. Pius X., die sich auf ein solches Imperatoren-Idol beruft, sich über die Päpste seit Johannes XXIII. beschwert, dann muss man sich fragen, welche Schizophrenie ihre Köpfe besetzt hält: Wollten sie ihrem Idol Pius X. folgen, müssten sie alles „fressen“, was aus Rom kommt, alles – von Liturgiereformen über Lehrveränderungen bis hin zu regelrechten Umkehrungen. Warum dann bitteschön so „widerständig“?!
Dieselbe Frage müssen sich aber auch die Sedisvakantisten gefallen lassen, die zwar hart mit der FSSPX ins Gericht gehen, selbst aber einem noch ausgeprägteren Papstfetischismus folgen – auch sie müssten erklären können, mit welchem Recht sie sich „anmaßen“, die aktuellen Päpste als falsche Päpste zu definieren. Wollten sie ihrem Papstwahn folgen, hätten auch sie alles zu schlucken, was aus Rom kommt, zu parieren und ohne Diskussion zu gehorchen: das hat das Idol Pius X. angeordnet. Und es steht in dieser Logik niemandem zu, darüber zu entscheiden, ob ein Papst ein „echter“ oder „unechter“ Papst ist. Um das zu entscheiden, müsste man gewisse „modernistische“ oder „liberale“ Grundannahmen machen, die diese Personen doch sonst scheuen wie der Teufel das Weihwasser…

Gerade Monsignore Umberto Benigni, auf den sich Pius X. in seinem Machtanspruch stark abstützte, der Mann, der den mehrdimensionalen, vatikanischen Spitzel- und Geheimdienst  „sodalitium pianum“ innerhalb des Staatssekretariats im Kampf gegen den „Modernismus“ aufbaute, wird von Zeitgenossen mehrfach als Menschenverächter, ja sogar als „Glaubensloser“ geschildert. Pius X. war ihm nicht nur totaler „Vater“, sondern es wird auch berichtet, er habe den Sarto-Papst als „Mama“ bezeichnet[3], denn der Papst stellt sowohl Gott als auch die ganze Kirche dar… Man beachte, wie in der extrem-integralistischen Zuspitzung der Mann sich auch noch das Muttersein selbst einverleibt…
Misanthropisch und getragen von Hass ist etwa sein Satz:

„Guter Freund, glaubt ausgerechnet Ihr daran, daß die Menschen zu etwas Gutem in der Welt fähig sind. Die Geschichte ist ein andauernder und verzweifelter Brechreiz, und für diese Menschheit taugt nur die Inquisition.“[4]

Benigni trat in Deutschland mit der propagierten totalitären Gehorsamsforderung auf: Dem Papst müsse man in „allen“ Dingen gehorchen, und Pius X habe gesagt, der Papst tue „immer das Rechte“, weil er der „Vater“ sei.[5]
Bestürzend klingt folgende Aussage über ihn:

„Ich hörte von vertrauenswürdigen Personen, die ihn näher kennen, sie schildern ihn als ‚glaubenslos’…“[6]

Gegen sein Lebensende hin wandte er sich dem Faschismus zu und veröffentlichte ein umfangreiches Werk über die angeblichen Ritualmorde der Juden. Benigni, der mit seiner extremen Haltung nach dem Tode Pius X. nicht mehr so leicht durchkam, wandte sich später der Politik zu:

„Benedikt XV., der Nachfolger Pius X., war kein Freund Benignis. Ein Jahr darauf wurde das Sodalitium von Gaetano De Lai allerdings wieder unter neuen Leitlinien hergestellt. Es blieb dann bis 1921 aktiv, da dann dessen Tätigkeiten öffentlich wurden und Benigni zur Auflösung seines Geheimdienstes gezwungen wurde. Enttäuscht und verbittert wandte er sich Mussolini und dem Faschismus zu. Gasparri und Benedikt XV. galten im (sic!) als Zerstörer der Kirche, die alles ruinierten. Benigni gründete einen neuen, einen faschistischen Geheimdienst und kämpfte nun vor allem gegen Demokratie und andere soziale wie gesellschaftliche Liberalisierungen. Er starb 1934 in Rom. Keiner seiner ehemaligen Priesterfreunde kam zu seiner Beerdigung.“[7]

Papolatrie, Führerzentrierung und Maskulinismus – das sind die Früchte des Antimodernismus, und es sind faule Früchte, die man mit dem Mann am Kreuz nicht zusammenbringt. Diese Früchte erinnern an radikale islamische Haltungen.

Schon sitzen in unseren Fernsehtalkshows vollverschleierte muslimische Konvertitinnen, sehen mit Mühe durch ihre vergitterten Augenschlitze in die Runde und wollen der Welt erklären, dass die Polygamie und damit die Übermacht des Mannes natürlich und daher zu erlauben und gesund für jede Ehe und überhaupt das gesellschaftliche Leben sei… und nicht selten stimmen katholische Traditionalisten dieser grundsätzlichen maskulinistischen Tendenz (wenn auch nicht hinsichtlich einer formell erlaubten Polygamie) islamischer Einstellungen zu. Man kämpft ausdrücklich auf propagandistische, hetzerische und unsachliche Art für die Restauration maskuliner Übermacht und glaubt, damit ein Werk Gottes zu tun („Verzicht auf neutralen Standpunkt“).[8]

In den letzten Monaten wurde das Leben des des Paters Pedro Poveda verfilmt. P. Poveda (1874 – 1936) war ein spanischer Priester, der besonders die Bildung und Gleichstelung von Frauen förderte. Er wurde 1936 ermordet. Liest man die Einträge auf Wikipedia[9] oder im Heiligenlexikon[10] über ihn, wird offenbar bewusst verschleiert, wer ihn ermordet hat: Nein, es waren nicht die Kommunisten, wie es suggestiv erscheint! Es waren die Faschisten Francos, denen er mit seiner Haltung nicht genehm war. Und er war offenbar nicht der einzige Priester und Katholik, der von den Franco-Truppen ermordet wurde, weil er sich dem faschistischen Glaubensabfall widersetzte.[11]

Wir sind wieder da angekommen, wo wir vor der Christianisierung aufgehört hatten… und noch schlimmer…[12]


[1] Bekannter Ausspruch Pius IX., hier zitiert nach Georg Denzler: „Die Tradition bin ich“. Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt 35/2000, kann online gelesen werden: http://www.georgdenzler.de/Die_Tradition_bin_ich.html (4.5.2016)
[2] Ansprache Pius X. vom 19. 11. 1912, zitiert nach Otto Weiß: Der Modernismus in Deutschland. Regensburg 1995. S. 52
[3] Josef Jung: Das Werk Gottes oder Kirchen-Stasi? – Das „Sodalitium Pianum“ (1911-1921), vom 19.10.2014 in der katholischen Wochenzeitung „hinsehen.net“, online lesbar: https://hinsehen.net/2014/10/19/werk-gottes-oder-kirchenstasi/ (4.5.2016)
[4] Benigni an Buonaiuti, zitiert nach Otto Weiß, Modernismus, a.a.O. S. 120
[5] Vgl. Otto Weiß, a.a.O.; S. 120
[6] Vgl. Weiß, a.a.O., S. 137, Anm. 10
[7] Josef Jung a.a.O.
[8] Im Internet gibt es ein stark bei katholischen Traditionalisten und Sedisvakantisten beliebtes Portal namens „WikiMANNia“, mit einem Istanbuler Impressum (!), das in seinem Programm folgende offenkundig ressentimentgeleitete und sprachideologisch eingefärbte Selbstbeschreibung voranstellt:

„Dieses Wiki ist eine Wissens-Datenbank über Be­nach­teili­gun­gen von Jungen und Männern, sowie Be­vor­zu­gun­gen von Maiden und Frauen. Die Belege hierfür sind im ganzen Internet teilweise sehr un­über­sicht­lich verteilt und werden hier über­sicht­lich strukturiert, kon­zen­triert und unter­ein­ander verknüpft an­ge­sammelt. WikiMANNia ver­zich­tet auf einen neu­tra­len Stand­punkt und bietet eine feminis­mus­freie Er­gän­zung zum Infor­ma­tions­an­gebot des Internets. WikiMANNia ist die Antithese zur feministischen Opfer- und Hass­ideologie. Keine Angst vor dem Feminismus, nieder mit der Schweigespirale. Seit Januar 2009 sind 2.949 Artikel entstanden. Über unser Kontaktformular können Sie uns mit Informationen unterstützen und auch Wünsche, Vorschläge und Anregungen mitteilen. Für eine Mitarbeit in diesem Wiki ist eine einfache Registrierung ausreichend.
Frauen sind nicht das unterdrückte Geschlecht.
Frauen sind das subventionierte Geschlecht.“


[11] Vgl. http://www.pedropoveda.org/ , auch Bericht auf Deutsch hier: https://charismatismus.wordpress.com/?s=poveda (11.6.2016)
[12] Erschütternd die Schweizerin Nora Illi, die mit einem Schweizer Konvertiten verheiratet ist und solche Ansichten zum besten gibt. Etwa bei Sandra Maischberger ind er ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ http://www.focus.de/kultur/kino_tv/schleierhafter-auftritt-bei-sandra-maischberger-sex-ansichten-der-burka-traegerin-nora-illi-verwirren-alle_aid_836112.html (7.4.2016)