Mittwoch, 12. Juli 2017

Die Wahrheitsbewegung und die „Truther“




Sie sagen zu den Sehern: Seht nichts!, und zu den Propheten: Erschaut für uns ja nicht, was wahr ist, sondern sagt, was uns schmeichelt, erschaut für uns das, was uns täuscht.
Weicht nur ab vom rechten Weg, verlasst den richtigen Pfad, lasst uns in Ruhe mit dem Heiligen Israels!

Jesaja 30, 10+11

Die Wahrheitsbewegung und die „Truther“

In der Mitte

Postfaktisch ist faktisch oder dessen Gegenteil. Links ist rechts, lichts renks, das ahnte Ernst Jandl vor Jahrzehnten, und alle, die klar und rational denken, sind neben Nazis und Populisten Nazis oder Populisten. Wer auf sich hält, sucht stets die Mitte. Und die liegt immer da, wo man nicht auffällt unter all den anderen, die dem „Humankapital“, diesem Schwarm der Getriebenen zugerechnet werden. Die Mitte liegt da, wo der geheimnisvoll gleichgerichtete Schwarm gerade weilt. Soweit so klar. Um welche Sonne kreist dieser Schwarm? Unliebsame Wahrheit und glatte Lüge sind im Verein mit Halbwahrheiten Fakenews, Lügenpresse, endlose, verwirrende Plappermäuligkeit und irgendwo auch das berühmte Körnchen Wahrheit. Der unerbittliche und absolutistische Wahrheitsanspruch der Mainstreammedien ist atemberaubend. Es kommt drauf an, wer was sagt und wer zuerst da war oder den mächtigsten Geldgeber hat und vor allem Waffen aller Art besitzt, ganze Länder in hybrider Kriegsführung vernichtet, Migrationsströme irgendwohin schicken kann, Menschen bis auf die Haut auszieht und mit ihrem Einverständnis versklavt, Propagandatechniken aus den Hexenküchen der Geheimdienste beherrscht, mit Haltet-den-Dieb-Strategien von den eigenen Machenschaften ablenkt, Heuschrecken erzeugen kann, Gelddrucklizenzen besitzt, eine Haifischseele hat und den Pakt mit dem Bösen eingegangen ist. Beschossen wird aus diesem Sumpf grundsätzlich nur eines: das spontane Gefühl, das spontane Denken der Menschen und der gesunde Menschenverstand, niedergemacht wird der einzelne, der alleine denken will, der, der intelligent rechnet und vorausschauend planen kann, der Mann, die Frau, die sich rein halten und die Betäubung, das vielgestaltige „Token“ der Mächtigen meiden.
Mithilfe einer 24-Hours-Verkabelung ist es jedem möglich, der nur will (und wie sie alle wollen!), sich gegen diesen Ansturm natürlicher Reaktionen in seinem Inneren zu wehren und sich jederzeit im Schweiß seines Angesichtes und für viel Geld auf die neuste Lage der Mitte einzupegeln.
Folge dem Schwarm. Werde Follower.
Das sanfte Schwarmkommando ist der Führer, der Duce unserer Tage.
„Befiehl o Schwarm des ewigen Aufbruchs, heil Dir, stetiger Wandel, wir folgen dir, wohin auch immer. Dein sei der Sieg.“
Ist es nicht wunderbar, wenn man so sanft getrieben wird, dass man ohne Hunger und Leid glauben kann, selbst zu bestimmen, wohin es geht?
Der Tyrann unserer Tage aber ist ein finsterer Schatten hinter den Funzeln der künstlichen Wirklichkeiten.
Diesem Tyrannen hat unser Justizminister mit dem Einverständnis unserer Kanzlerin und der Abnicke eines verkommenen, verfassungsfeindlich eingestellten Bundestags, in den sich nur ein Bruchteil der Abgeordneten bemüht hatte, obwohl es um die Überlebensfrage der Demokratie ging, diesem Schatten-Tyrannen hat Heiko Maas nun richterliche Aufgaben freigegeben, die dieser Baal im Off voluntaristisch, ohne Recht und Gesetz zu beachten, ausführen kann gegen jeden, der vom Schwarm abweicht. Aus dem virtuellen Führer offenbart sich nun ein Tyrann. Jeder verirrte Fisch wird zurückgeholt oder vernichtet, per Mausklick einfach gelöscht. Von dem Haus, das einst Bundesverfassungsgericht war, ist diesbezüglich keine Klarstellung zu erwarten. Die Bundesrepublik Deutschland ist am 30. Juni 2017 von einem Berliner Himmelfahrtskommando der Exekutive und Legislative zum Abschuss freigegeben worden, und die Judikative wird gehorsam dazu nicken.

Ein Teufelspakt

Erinnern wir uns doch an diese etwas altmodischen Filme, in denen die Entdecker-Wettkämpfer zweier konkurrierender Großmächte Neuland erkundeten, in wattierten Anzügen und tonnenschweren Rucksäcken auf dem gebeugten Rücken, mit Schlittenhunden und Notfallschokolade, ein kindisches Wimpelchen in der Hand, und verbissen vorwärts strebend. Vorwärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht! Unsere Stärke ist das „Ich bin der Erste und der Beste“, das Haben. Wer zuerst da war, wer alle überholen konnte, der durfte die Fahnenstange in die Erde rammen. Mission completed. Hurra! Das Anti-Evangelium von den Ersten, die Erste sind und den Letzten, die Letzte sind, wurde über die ganze Welt verbreitet. Und der Beweis, dass es keinen Himmel geben kann, in dem es einst umgekehrt sein wird. So fuhr alle Gelassenheit der Armen dahin. Und die Reichen wurden dem Teufel täglich ähnlicher. Für das Erstersein auf Erden (aber auch im Himmel) muss man seine Seele verkaufen.
Jesus sagte: Dort, bei seinem Vater im Himmel, werden viele der Ersten die Letzten sein.
Das ist wahre und entspannte Seligkeit… ich werde meinen Platz haben, so oder so. Ich muss ihn mir nicht selbst garantieren.
Man täusche sich also nicht: auch der, der im Glauben der Erste sein will, steht auf Sand. Glaube heißt unter anderem: der Versuchung zu widerstehen, Erster sein zu wollen.
Ein Teufelspakt: Gewinner ist, wer den Schwarm unsichtbar lenken kann. Der dem Schwarm vor dem Einbruch der Hölle tägliche Henkersmahlzeiten auf einer endlos langen Shopping-Mall cooler Flaneure, sexy Girls und powerpotenten Partylöwen im Countdown-Rhythmus präsentiert.

Der jüngste Tag und die versiegelte Wahrheit

Nicht anders als dem einst unberührten Neuland ergeht es der Wahrheit. Es ist die Frage, wer zuerst seinen Fuß auf sie stellt und sie besudeln und sich zur Mätresse machen darf. Der Eroberer dringt in sie ein, wie er glaubt, aber er versprüht seinen obszönen Samen ins Nichts. Seine Kunst ist der Widerspruch zur Wahrheit..
Die wahre Wahrheit aber ist von Gott selbst versiegelt gegen jeden Vergewaltiger. Sobald ihr jemand Gewalt antut, löst sie sich auf und lässt sich anderswo nieder. Welch ein Trost!
Geschichte schreibt der Sieger, sagte man immer mit einem gewissen Recht, und Wahrheitswiderspruch definierte schon immer mit schwellendem Unterleib der, der die Macht hatte. Er war es, der der Wahrheit ihre mobile Burka verpassen wollte. Und wehe, es schaut nur noch ein Härchen dieser aufreizenden Schönheit heraus. Das Merkwürdige ist nur: eine eingesperrte Wahrheit gibt es nicht. So, wie niemand das Licht einsperren kann.
Sie war längst entrückt, die Wahrheit, das Licht der Wahrheit. Also erklärte man das finstere Nichts unter der Burka zur lichtvollen Wahrheit.
Ich gewinne eine immer größere Imagination dafür, was es heißt, dass am Ende der Tage die Bücher aufgetan werden und die entrückte Wahrheit sprechen wird. Es wird ein Tag des Grauens sein, denn wir alle haben Anteil an der Gewalt gegen die Wahrheit. Gott, sei uns armen Sündern gnädig!
Es sollte uns nicht wundern, dass in einer digital vernetzten Welt — und wir wissen nicht, welche Kommunikationsmöglichkeiten noch ersonnen werden — die Not der vergewaltigten und entrückten Wahrheit proportional zur technischen Entwicklung gewachsen ist, wächst und weiter wachsen wird.
Wahrheit sucht man in dieser Finsternis wie eine Stecknadel im Heuhaufen.
Der Magnetismus der Wahrheitssucher aber zieht sie an, solange sie echte „Truther“ bleiben und nicht selbst Märchenerzähler werden, weil es lukrativer und bequemer ist.
In einem gewissen Sinn kann man nichts leichter finden als die Wahrheit.

Ein Teil der Bevölkerung übt in hochnäsig-weisem Gestus seit Jahrzehnten eine relativistische Haltung ein, ganz wie Pilatus, der mit spitzen Fingern fragte „Was ist Wahrheit?“, als Jesus ihm sagte „Ich bin die Wahrheit“. „Es gibt viele Wahrheiten“ verkünden heutige Welfarer, deine, meine und die der anderen, und selbstverständlich ist jede Wahrheit völlig okay. Es sei denn, es geht ans Eingemachte, dann habe selbstverständlich ich und nur ich recht. Was sonst. Oder ich tue im Gegenteil, wenn der Kampf zu unbequem würde, so, als ginge ich selbst mich selbst nichts an. Auch das greift um sich. Viele lassen sich bis zur Besinnungslosigkeit geistig, seelisch und materiell ausplündern und rufen dem Plünderer ein herzliches „Welcome“ zu, oder sie bürgen widerspruchslos für die Schuld ihrer Ausbeuter.
Das logische Denken ist flöten gegangen, denn die Wahrheit ist immer die Wahrheit. Was wahr ist, ist wahr, auch ohne mich und mein wertvolles Ego und seine Sucht, die Dinge stets zu eigenen Gunsten in die imaginäre Mitte zu drehen.
Aber dieser höchst simple Gedanke ist einem Großteil der Menschen nicht mehr denkbar. Sie schwimmen und fischen im abgrundtiefen Chaoswasser, ohne einen Orientierungsstern im Himmel, weil man das heute so macht und doch alles kann und weiß. Nicht alle jedoch überlassen sich den verschlingenden Wellen den verlogenen, artifiziellen Ersatzwahrheiten. Je mehr Ersatzwahrheit alias Lüge unterwegs ist, desto mehr Kollisionen im wirklichen Leben, desto mehr Blockaden und Rückschläge. Das rüttelt viele wach. Aber immer noch zu wenige. Es lebt sich leichter, wenn man Augen und Ohren zumacht und das Furchtbare erst gar nicht zur Kenntnis nimmt. Lieber zertritt man die Boten der versiegelten, wahren Wahrheit.

Die Ritter der versiegelten Wahrheit

Wen wundert es also, dass sich neben der Tiefschlafkultur unserer Tage eine immer stärkere „Truther“-Bewegung entwickelt, eine „Wahrheitsbewegung“, die inzwischen zahlreiche alternative Sender, Blogs, Zeitschriften, Netz-TV-Kanäle und Verlage aufgebaut hat? Viele ahnen, dass etwas nicht stimmt, dass wir womöglich bewusst und vorsätzlich belogen worden sind, und das nicht nur über den Islam oder die Migranten, sondern ganze Wissenschaftszweige und Zeitalter. Es ist eine große Unruhe in vielen einfachen Menschen ausgebrochen.
Und wen wundert es, dass die etablierte Medienlandschaft samt ihren privaten und staatlichen multimilliardären Geldgebern darüber Zeter und Mordio brüllt und mit der wohlfeilen, dumpfbackigen „Flagge zeigen gegen rechts“-Keule draufhaut und alle Zweifler und Wahrheitssucher wie Hexen verfolgt?
Es ist erschreckend, wie viele gute und verdiente Journalisten, Politiker und Autoren in den vergangenen 15 Jahren förmlich ausgespien wurden und werden aus den etablierten Medien. Es sind inzwischen Heerscharen. Wegen ihrer Unbeugsamkeit und Weigerung, die Wahrheit täglich neu zu definieren, hasst man sie. Und diese Leute sind mitnichten „Rechte“, sondern Personen aus allen Richtungen, auch viele, sehr viele Linke. Das gesamte politische und religiöse Spektrum hat inzwischen seine „Truther“ ausgespien.
Die „Wahrheitsbewegung“ sammelt sich nicht von selbst außerhalb dieses untergehenden Schwarm-Molochs in der Mitte, sondern wird gegen ihren Willen verstoßen. Die, die sie ausgestoßen haben, munkeln nun, da „braue sich was zusammen“, das man bekämpfen müsse. Wir wissen es doch seit alters her: die Verstoßene ist wieder frei! Und das ist ihre Chance. Die Ersten, die die Letzten verstoßen, ahnen, dass ihre Tage gezählt sind und konzentrieren alle Kraft auf alberne, aber nichtsdestoweniger infame  Verleumdungskampagnen, die allmählich den Charakter von Vernichtungskampagnen annehmen.
Diese Fähnleinführer-Mitte, die mit pathologischem Antidiskriminierungs-Eifer zwitschert und in einer geradezu animistischen Geisterfurcht unter jedem Wegstein und jedem Graswatzen „Rechte“ wittert, ist der größte Diskriminierungskonzern, den es je gab, denn die Merkmale der nun zu Diskriminierenden wabern genauso wie die stets im Wandel begriffene Wahrheit der Mitte. Von wenigen tatsächlich, sachlich nachweisbar politisch rechts stehenden Personen abgesehen erfüllt der Popanz-„Rechte“ unserer Tage ganz das Profil des „Juden“ in älteren Zeiten: er steckt hinter allem, was schlecht ist oder als schlecht bezeichnet wird (von wem eigentlich und mit welchem Grund?), er hat, wie Ralf Stegner (SPD) es gerade vor ein paar Tagen über die Popanz-„Rechten“ behauptete, eine „gewalttätige DNA“ (und der Mann merkt nicht, dass er hochgradig rassistische Vokabeln einsetzt — oder merkt er es doch?!), er ist die einzige Gefahr, die droht, und ihn muss man bekämpfen und überall identifizieren, wo er sich versteckt hält. Und er versteckt sich überall. Vorsicht, Feind hört mit. In Abwandlung eines Bonmots der wirklichen Rechten also: „Die Rechten sind unser Unglück!“ und frei nach Goebbels: „Wer rechts ist, bestimmen wir.“
Das Wir der Fähnleinführer-Mitte. Es ist im Begriffswandel „rechts“, die Wahrheit auszusprechen, die wahre Wahrheit, nicht die in der wandernden Mitte. Das Antidiskriminierungsgetue der Mitte aber will verhindern, dass die wahre Wahrheit frei ausgesprochen werden oder so etwas wie ein freier Diskurs und freie Recherche mit dem Ziel der Wahrheitsfindung stattfinden könnte. Es kann jeder alles sagen, solange es finster und erfunden ist. Doch wehe dem Licht, das in diese Finsternisse fällt!

Sakrileg unserer Tage: geordnete Gedankengänge über die nächste Ecke hinaus

Die „Wahrheitsbewegung“ steht in der Gefahr, gezielt durch die Darbietung alternativer Wahrheit geködert zu werden. Man weiß ja nicht, wie viele Böden die Manöver heutiger Mächte haben. Man wird belogen, darf dann die als Köder ausgelegte „Wahrheit“ entdecken, ohne zu bedenken, dass sie eine Wahrheitsfalschfährte sein könnte und dient am Ende dem, wovon man sich eigentlich abgrenzen wollte.
Und sie steht in der Gefahr, ältere Verhältnisse zu verklären. Viele dieser älteren Verhältnisse waren erste Anfänge, versteckte Anfänge dessen, was wir heute erleben. Man muss aber genau hinsehen und viel wissen, um das zu erkennen.
Vor dem Wiederkäuen alter Teufelspakte, die sowieso noch aktiv sind, sei also gewarnt. Wer sie im Wahn, dem Teufelspakt unserer Zeit zu entkommen, aktiviert, verstärkt nur die Hölle dieser Tage noch. Die alten Modelle haben ausgedient und taugen nicht mehr! Hätten sie nämlich getaugt, wären sie nicht untergegangen. Ich stelle die Maxime auf:
„Man kann aus Ruinen auferstehen, aber die Ruinen selbst werden nicht mehr auferstehen.“

Man unterstellt der Wahrheitsbewegung gerne, „Verschwörungstheorien“ zu entwickeln und zu vertreten. Das ist so billig, wie es absurd ist:
Im Klartext: wer es wagt, 1+1 zusammen zu zählen, wer überhaupt noch denkt und versucht, sich einen Reim auf die Dinge zu machen, wer nicht jeden Fake, jede Ente der Massenmedien und Geheimdienste glaubt, ist ein potenzieller Verschwörungstheoretiker, egal ob er dabei richtig rechnet oder sich verrechnet. Im Zeitalter des Taschenrechners verstehen viele den Unterschied nicht mehr… Und die, die verhindern wollen, dass Menschen die wahre Wahrheit finden, werden natürlich jeden, der intensiv sucht, diffamieren. Wir sollen nicht mehr zusammenhängend denken. Lernziel der Zukunft: sich denken lassen. Vernetzt sollen wir unsere tägliche Denkdosis empfangen, eingesponnen in die Schlinge finsterer „Denkfabrikanten“, unsichtbarer „Thinktanker“ und nicht etwa selber kreieren. Aber auch das hat alte, wenn auch technisch schwerfällige Vorbilder…
Ein Verschwörungstheoretiker ist in jedem Fall immer der, der sich eigene Gedanken macht, und dies auch noch geordnet — welch ein Sakrileg!
Und was man denken darf, das bestimmt das Kartell der Mitte, dieser Wandelstern der Postmoderne.
Es sind Orwell’sche Verhältnisse, die wir erleben.
Mit der Reformation, dem Konzil von Trient und dem dreißigjährigen Krieg entwickelte sich ein Entscheidungszwang, den man nicht mehr nur einzelnen Ketzern auferlegte, sondern grundsätzlich jedem Menschen: Entweder du nimmst die Wahrheitsbehauptung des Fürsten an oder dir wird der Existenz-Boden entzogen. Damals begannen die großen Umsiedlungs- und Fluchtbewegungen, die bis heute angehalten haben aus immer wieder ähnlichen Gründen. Aber ein Neues schiebt sich vor diese Tradition:
Heute gibt es keinen Ort mehr, an den man ausweichen könnte. Das ist so, weil es der märchenerzählende Fürst unsichtbar ist und überall und nirgends seinen Sitz hat. Wohin immer man sich wendet, man ist vor ihm nicht sicher.
Was aber dann?
Nicht die wachsende Weltbevölkerung schafft diese Problematik, wie einst Aldous Huxley mit teuflischem Zynismus behauptete, sondern die wachsende technische Vernetzung der Welt, die als Neuland erobert wurde von Mächten, die wir nicht kennen. Sie haben ihre Flagge aufgepflanzt, aber nicht wehen lassen, und sie haben dem Bösen die Tore weit gemacht.

Kann man ohne Rüstung standhalten?

Der Wahrheitsbewegung sei daher warnend gesagt, dass sie im Visier dieser Kräfte ist. Sie wird unterwandert von der Mitte, die sich zwanglos an den Rand begibt, wenn es opportun ist. Sie wird gezielt mit alternativen News versorgt und Köder-Wahrheit, die nur alternativer Fake ist. Wie wollt ihr das eine vom andern unterscheiden? Und wie wollt ihr euch davor schützen, wie einst die Pharisäer die wahre Wahrheit zu verkennen und zu verdächtigen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben?
Wer gibt euch sehende Augen und hörende Ohren?

Mit sehr viel Aufwand kann die natürliche Vernunft Wahrheit und Lüge unterscheiden. Mit sehr, sehr, sehr viel Aufwand. Haben wir dafür Zeit und Ressourcen? Wissen wir denn, wem wir glauben dürfen auf dieser Welt?
Der christliche Glaube kennt das Charisma der Geisterunterscheidung (discretio spirituum), aber auch da sind schon viele der Täuschung erlegen, sie hätten diese Gabe und huldigten nun gerade erst dem Bösen. In gewissem Sinn besteht in solchen „False-flag-Manövern“ des Bösen die Tragik der Kirche. Es ist also Vorsicht geboten!
Die Wahrheit des Christen ist eine Person, Jesus, der Sohn Gottes, der seinen Geist ausgesandt hat seit Pfingsten. Dieser Geist führt in die ganze Wahrheit. Das hat er versprochen. Aber auch hier herrscht Verwirrung. Heute bilden sich auch viele ein, sie hätten eine besondere Heiliggeistfrömmigkeit gepachtet, aber die Früchte dieses Pneumatismus sind Hochmut, Arroganz, Stolz, Oberflächlichkeit und Geldgier. Muss man sich heutzutage nicht für die Wahrheit, die wahre Wahrheit förmlich versiegeln lassen?
Wird man ohne Siegel standhalten können?
Wer traut sich zu, entblößt in eine Schlacht zu ziehen?
Und wer ist sich sicher, dass er unbehelligt bleibt, wenn er nicht zu kämpfen bereit ist?

Samstag, 1. Juli 2017

Der eine Vater und die eine Mutter



Der eine Vater und die eine Mutter

Mit der Entscheidung des Bundestags für die „Ehe für alle“ ist einzig und alleine eine Entscheidung dafür gefällt worden, dass man Kinder vermarkten wird. Es geht nicht um die „Ehe für alle“ (was immer dieser Begriff eigentlich heißen soll), sondern um „Kinder für alle“. Die Kinderlosigkeit homosexueller Verbindungen ist keine gesellschaftliche, durch positives Recht gesetzte „Diskriminierung“, sondern sie sind naturgemäß unfruchtbar. Und es geht beileibe nicht nur um ein Adoptionsrecht auf fremde, alleinstehende Kinder, sondern um das Recht, sich nun doch Kinder zu beschaffen, obwohl die Natur einer solchen Verbindung Kinder nicht nur im Rahmen einer individuellen Not, sondern grundsätzlich und immer verschließt. Jeder weiß, dass nicht genügend Kinder auf dem „Adoptionsmarkt“ zur Verfügung stehen und auch normale Ehepaare große Schwierigkeiten haben, ein Kind zu adoptieren. Viele warten jahrelang und sehr viele umsonst.
Es geht nicht darum, dass Kinder auch im Ausnahmefall bei zwei Männern oder zwei Frauen oder im Waisenhaus aufwachsen können. Es geht bei der Durchsetzung des Rechtes der Homosexuellen auf die Rechte einer „Ehe“ darum, die natürliche Vorgabe, die alleine den Begriff der Ehe und Elternschaft setzt und rechtfertigt, nun künstlich, artifiziell „nachzubauen“ und zu behaupten, diese Künstlichkeit sei „genau so wie“ die Natürlichkeit, sei dasselbe, nicht nur etwas Ähnliches oder schlicht anderes, das anderer Regeln bedarf.

Es geht also um etwas anderes. Schon 2015 trat in einer Sandra-Maischberger-Show ein sehr sympathisch wirkender, knuddeliger schwuler Papa auf, der sich mit seinem gesetzlichen Partner durch die Laborproduktion einer durch seinen Samen befruchteten fremden Eizelle einer Frau und die hochbezahlte Schwangerschaft einer zweiten fremden Frau (beide Frauen in Thailand) ein Kind beschaffte. Dieses Kind ist sein genetischer Nachkomme, ebenso der genetische Nachkomme einer fremden Frau und geboren aus einer zweiten fremden Frau. Der zweite Papa steht biologisch vollständig außerhalb dieser Verbindung. Selbst die ebenfalls in der Sendung anwesende Alice Schwarzer sagte damals ein kategorisches Nein zu dieser Praxis. Es ist aber diese Praxis, die nun vermehrt auf uns zurollen wird durch dieses Gesetz — und es ist wesentlich das, was die Kritiker der „Ehe für alle“ stört. Viele denken: Die Ambitionen homosexueller Wünsche können nicht auf dem Rücken von Kindern und Leihmüttern ausgetragen werden. Ein Kind hat ein Recht auf Vater und Mutter — davor hat jeder Wunsch der Erwachsenen zurückzutreten!

Manchmal habe ich das Gefühl, unter völlig unaufgeklärten Menschen zu leben. Wir wissen nicht mehr, dass die Kinder von einem Mann und einer Frau gezeugt werden müssen. Ja, pardon, manche wissen das vielleicht noch nicht — aber das ist die Natur, einfach nur das. Der Geschlechtsakt ist natürlicherweise dazu da, Nachkommen zu zeugen. Das ist beim Menschen und bei allen höher entwickelten Tieren so. Und alle haben immer nur einen Vater und eine Mutter. Das Kalbsschnitzel wächst auch nicht aufm Baum, meine Güte! Wir sind nun mal Naturwesen!
Die schöne neue bunte Welt hat in gewisser Weise den Mythos vom Klapperstorch wieder aus der Gruft geholt: Man verschleiert die Geschlechtlichkeit des Menschen und tut so, als sei der Mensch eine reine Abstraktion. Es ist eine Form postmodernen Leibhasses. Kinder bekommt man von irgendwoher als Rohware geliefert und pflanzt sie ins das Beet eines eigenen Gärtchens ein.
Ebenfalls erinnert dieses extremistisch aufgefasste „Recht auf Kinder um jeden Preis“ an alte heidnische patriarchalische Rechtsstrukturen. Der alte römische „pater familias“ feiert fröhliche Urständ, auch dann, wenn er als postmoderne „mater familias“ auftritt (wie lange noch, denn wer das Kinderrecht so mit Füßen tritt, tritt auch bald das der Frau wieder mit Füßen): was immer an „human objects“ er seinem Haushalt zuschlagen will, ist „seines“ und untersteht seiner Gewalt. Das alte „ius vitae necisque“ haben wir ja schon seit langem wieder praktiziert, als wir Eltern das Recht zugestanden, vorhandene Kinder im Mutterleib zu töten, wenn sie uns gerade nicht passen. Kinder werden dabei durch jeden weiteren Rückfall in diese alten heidnischen Rechtsauffassungen immer stärker als Sache, als Objekt, als Gegenstand ausgefasst. Schon heute kaufen sich Heterosexuelle und Homosexuelle Kinder auf einem bunten Labor- und Leihmuttermarkt. Und aus welchen Gründen Frauen sich für Geld dafür feilbieten, kann sich jeder an den Fingern ausrechnen. Dass diese Praxis in allen Kulturen Befremden und Abscheu erzeugt, sehen wir daran, dass etwa die merkwürdige und lange unklare Beschaffung eines dritten Kindes, die sich der Bollywood-Schauspieler Shah Rukh Khan und seine Frau Gauri durch eine Leihmutter erlaubten, in Indien heftige ethische und juristische Debatten ausgelöst haben. Obwohl es sich hier genetisch (vermutlich) um die wahren Eltern handelt, löste doch die Leihmutterschaft Befremden und Unverständnis aus, zumal das Ehepaar ja bereits Kinder hatte. Auch bei einem normalen Ehepaar fragen sich viele, ob man denn um jeden Preis Kinder verhüten, abtreiben oder eben herbeischaffen darf. Wo sind die Grenzen?
Ist nicht der grundsätzliche Blick auf Elternschaft und Kindschaft, der diesem Denken zugrunde liegt, völlig verfehlt und zutiefst unmoralisch?
Waren wir nicht einst stolz auf unsere Fortschrittlichkeit, als wir Praktiken wie etwa die archaischer Kulturen, unfruchtbaren freien Frauen mithilfe ihrer Sklavinnen Kinder zu schaffen, hinter uns lassen konnten? Die Praxis, sich durch Sklavinnen Kinder zu beschaffen, erinnert mich geradezu frappierend an die postmoderne „Leihmutterschaft“. Und hat nicht das Christentum all diese folgenschweren Exzesse eliminiert und damit nicht nur das Kinder- sondern auch das Frauenrecht wesentlich erhöht?

Der Zusammenhang zwischen dem Zeugungsakt eines Mannes und einer Frau, der Empfängnis aufseiten der Frau, der Verschmelzung der Mutter mit dem zweiten Leben für lange neun Monate, der ethischen Verpflichtung des Vaters und aller umgebenden Menschen, diesen Doppelmenschen um jeden Preis zu schützen, der Zusammenhang also zwischen all dem und der Zeit der Schwangerschaft, in der die Mutter auch im Falle von Unstimmigkeiten dennoch eine enge Beziehung zu diesem neuen Menschen entwickelt — all das wird durch diesen Gesetzentwurf entwertet und so behandelt, als sei das Natürliche eine Marginalie, die man abhaken könne. Wir sind nicht mehr gnadenvolle Geschöpfe, die durch den Schöpfer an seinen Schöpfungsakten empfangend, ja empfangend: auch die Herren der Schöpfung sind dabei passiv (!), einer Vater- und Mutterschaft gewürdigt werden, sondern wir wollen selbst Menschen erschaffen nach unserem Willen und unserer Vorstellung. Die Vorgänge nehmen faustische und damit katastrophale Züge an.

Ebenfalls gliedert man diese Urgeschichte eines Kindes bei seinen Eltern als Keim aus der Geschichte des Kindes und seiner Eltern aus. Haben wir vergessen, dass uns unsere Kinder schon im zarten Vorschulalter danach fragen, wie es war, als sie noch in unserem Leib wohnten, ob man sie da schon geliebt habe, mit ihnen gesprochen habe, und ob man sie sehnlichst erwartet habe? Ist es nicht das, was sie immer wieder erfragen und hören wollen? Kennen wir es nicht, dass unser Kind mit großer Neugier wissen will, wie lange es immer Schluckauf hatte in Mamas Bauch und wie sich für die Mama dieses sanfte Ticken anfühlte, und ab wann Papa von außen spüren konnte, dass es da drinnen turnte und herumsprang in seinem kleinen Häuschen aus Fleisch und Blut? Und wer von uns Kinder hat, erinnert sich an die weltstürzende und leidvolle Erschütterung von Vater und Mutter, an den Tag, an dem das Kind geboren wurde von der Mutter, und der Vater mit zitternder Hand die Nabelschnur durchschnitt. Als das erste Weinen ertönte und die Mutter aufatmete aus diesem Schlachtfeld, aus diesem Kampf unter Blut und Fäkalien, Schmerzen und Schreien, den sie mit dem Kind ausgefochten hatte, um beide lebend und als Sieger hervorgehen zu lassen mit Gottes Hilfe? Gehört das nicht alles hinein in die Geschichte einer Familie?

Und nein: Man wurde nicht beliefert vom Klapperstorch oder mithilfe eines großen Geldbeutels, sondern man wurde hineingenommen in einen göttlichen Schöpfungsakt, den man selbst weder schaffen noch genau verstehen konnte, um Gottes willen rang man als Mutter um das neue Leben, deswegen und nur deswegen, auch wenn man sich dessen vielleicht nicht bewusst war. Aber man wurde in eine Würde versetzt, die von Gott stammt. So wie er der Urheber aller Vaterschaft und Mutterschaft ist, weil er selbst als Vater angesprochen wird von den Christen und wie eine Mutter tröstet, wie die Schrift sagt, nur von daher sind wir Vater oder Mutter. Adoptiveltern versuchen die Rolle von Mutter und Vater gegenüber einem einsamen Kind zu erfüllen, aber sie sind nicht die wahren Eltern. Das Konstrukt von der „sozialen“ Elternschaft ist meiner Auffassung nach viel zu kurz gegriffen. So hat die Christenheit mit Recht die Mutterrolle Marias wesentlich höher angesiedelt als die des Ziehvaters Josef. Wie hoch immer die Achtung vor Josef sein soll und muss — er war nicht der wahren Vaterschaft gewürdigt worden. Nach den Evangelienberichten hat er selbst das akzeptiert und sich deshalb vollkommen zurückgehalten. Es war der Kirche anfangs bewusst, dass der Sohn Gottes wahrer Sohn Mariens, aber niemals wahrer Sohn Josefs war. Man sprach von dem „Ziehvater“ Jesu, aber man berücksichtigte stillschweigend, dass der wahre Vater Jesu, wie er selbst es als Zwölfjähriger seinen Eltern dann auch sagte, der Vater im Himmel war und ist. Es ist ein Unterschied in der wesenhaften Rolle Marias und Josefs! Erst in der Moderne hat man in der Kirche angefangen, diesen Zusammenhang zu nivellieren. Je mehr man die einzige und wahre Vaterschaft Gottes beiseite rückte, desto mehr meinte man sie durch Menschen ersetzen zu sollen, angefangen vom Papsttum, mit dessen Überhöhung auch die Josefsverehrung in einer verkehrten Hinsicht aufgebaut wurde, nämlich hinsichtlich einer „wahren“ Vaterschaft, die jedoch objektiv nicht vorliegt. Es gibt keine soziale Vaterschaft, die alleine bereits den Status vollkommener Vaterschaft erfüllen könnte. Dasselbe gilt für Mutterschaft. Die Kirche hat sich also selbst schon lange aus einer klaren Sicht auf die Dinge verabschiedet, seit dem 19. Jh kam eine falsch gelagerte Josefsverehrung auf. Es sollte uns nicht wundern, dass man daher von unseren Hirten kaum ein Wort der Mahnung hört angesichts der aktuellen politischen Vorgänge.

Man sagt oft, es gebe aber doch auch Schwule, die ein leibliches Kind von einer Frau hätten, das bei ihnen und ihrem homosexuellen Partner lebt (und umgekehrt). Ja und? ist meine Antwort. Dann hat er sich doch einst der natürlichen Vorgabe gebeugt und ein Kind natürlich gezeugt (und geboren). Die Tatsache, dass er das Kind aus diesem natürlichen Zusammenhang entfremdet hat, kann dennoch nicht verschleiern, dass das Kind einer natürlichen Verbindung entstammt und irgendwo da draußen eine wahre Mutter bzw. einen wahren Vater hat!

Man sagt ebenfalls oft, es gebe aber doch auch unfruchtbare Ehen. Darauf kann ich mit Pius XII. sagen: Ja und? Eine unfruchtbare Ehe ist so wie ein blindes Auge oder ein taubes Ohr:
Von Natur aus ist das Ohr dafür geschaffen zu hören, das Auge dafür zu sehen. Und die Ehe dafür, fruchtbar zu sein und Nachkommen zu zeugen.
Adoptieren unfruchtbare Ehepaare ein Kind, ist das nicht dasselbe wie die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Partner. Im ersteren Fall sind sie natürlicherweise dafür prädestiniert, Eltern zu sein, wenn auch „taub“, im zweiten Fall nicht — denn aus einer in die Gleichgeschlechtlichkeit umgelenkten Sexualität entspringt naturgemäß kein neues Leben. Man muss es laut sagen: Nein, das ist nicht mein Vorurteil oder eine gesellschaftliche positive Rechtssetzung intoleranter Spießer, sondern das ist schlicht und einfach die Natur! Dass einer homosexuellen Verbindung kein Kind entspringt ist so natürlich wie die Tatsache, dass ein Fluss nicht aufwärts fließt.
Und das weiß auch jeder in Wahrheit.
Und jeder weiß auch, dass das Adoptionsrecht kein Recht ist, um sich Kinder zu beschaffen, sondern eine ohnehin problematische Notstandsregel. „Taube“ Ehepaare und elternlose Kinder werden zusammengeführt, um so einer großen Not im Rahmen des Natürlichen wenigstens ansatzweise abzuhelfen. Aber wir wissen alle, dass es mit adoptierten Kindern fast immer große Probleme gibt ab dem Moment, ab dem sie erfassen, dass diese beiden Leute, dieser Mann und diese Frau, nicht ihre leiblichen Eltern sind. Sie fangen an, nach ihren wahren Eltern zu fragen und leiden daran, dass die sie fortgegeben haben. Nur im Falle verstorbener leiblicher Eltern sind die Adoptivkinder davon zu überzeugen, dass es wirklich mit gerechten Dingen zuging. Es ist gerecht, wenn eine Waise aufgenommen wird von fremden Eltern, aber es wird von einem Kind als ungerecht empfunden, wenn es weiß, das seine wahren Eltern irgendwo leben und es nicht wollten.

Oft wird gesagt, Homosexuelle seien ja womöglich „bessere Eltern“ als „heterosexuelle Paare“ und leitet daraus eine ethische Rechtfertigung für ein Recht der gleichgeschlechtlichen Paare auf eigene Kinder ab.
Das Argument ist logisch unsinnig, aber auch aus praktischen Gründen hinfällig, weil niemand vorher wissen oder festlegen kann, wie „gut“ einer als Vater oder Mutter ist, bevor er Vater oder Mutter ist. Niemand kann des weiteren widrige Umstände vorhersehen, die Eltern und Kinder erleben werden (Scheidungen, Krankheit, Tod, materielle Not, Krieg etc.).
Andererseits geht es in der Debatte nicht darum, ob man ein guter Vater oder eine gute Mutter ist, sondern darum, dass ein Kind ein Recht auf eine natürliche Herkunft und seinen eigenen leiblichen Vater und seine eigene leibliche Mutter hat. Wir haben als Vater und Mutter die ethische Pflicht, gut zu sein. Dass wir daran scheitern können, hebt die grundsätzliche Konstellation und Verpflichtung doch nicht auf!
Nur im äußersten Notfall hat man die natürliche Rechtsbindung der leiblichen Eltern an die Kinder aufgehoben. Steht auch das nun vermehrt in Frage? Wird man bald Eltern aus fadenscheinigen Gründen die Kinder nehmen und „besseren“ Eltern zuteilen? Wer entscheidet, wer „bessere Eltern“ sind?! Wer zeugt, hat naturgemäß eine Verpflichtung, die ihm abverlangt, dass er sich zurücknimmt um des Gezeugten willen. Das natürliche Recht der Eltern am Kind besteht ebenso.
Mit der „Ehe für alle“ stellt man diesen Grundsatz total auf den Kopf.
Es geht nicht darum, ob man rein theoretisch eine Mutter- oder Vaterrolle spielen kann, gewissermaßen eine „Hosenrolle“ auf der gesellschaftlichen Bühne spielen darf, ohne in der natürlichen Konstellation Vater oder Mutter sein zu können, sondern darum, dass ein Kind ein Recht auf seinen einen Vater und seine eine Mutter hat, unabhängig davon, ob sie sich als „gut“ erweisen.

Ich wiederhole mich, man muss es den in kruden Aberglauben zurückgefallenen Menschen sagen: Jeder Mensch hat genau einen wahren Vater und eine wahre Mutter. Teilt man die Rolle in eine „biologische“ und „soziale“ Rolle, geht das nie ohne Verletzung der Integrität des Kindes ab! Und darum ist das auch sein aus der Natur folgendes Recht, dass es unbedingt, wenn nicht dramatische Gründe dagegen sprechen, seinen wahren Vater und seine wahre Mutter haben muss! Wer das bestreitet, tritt das Recht des Kindes mit Füßen.

All das satirische Gerede, es sei doch toll, wenn man nun „zwei Väter“ haben könne oder „zwei Mütter“, ist fahrlässig, denn das Kind wird eines Tages danach fragen, wer sein einer wahrer Vater und seine eine wahre Mutter ist. Es will nicht wissen, wie viele ehrgeizige und habgierige Personen es benutzt oder womöglich im Labor hergestellt haben, um sich selbst zu verwirklichen, Geld zu verdienen oder einem persönlichen Wahn zu folgen, sondern es will wissen, woher es genetisch stammt.
Was will der knuddelige Schwule aus Maischberges Sendung seinem Sohn sagen?
Etwa dies: „Also ich hab meinen Samen ins Labor gegeben, und dein zweiter Papa hat es okay gefunden, dass es nicht sein Same ist, und dort hab ich mir Samenzellen von einer mir ansonsten fremden Thaifrau gekauft, die man mit meinem Samen im Reagenzglas zusammengebracht hat. Als dann eine gelungene Verschmelzung geschehen ist, hab ich mir die fitteste Zygote (das warst du) ausgesucht und ne zweite Frau gekauft, die sich dich als Zellhaufen hat einsetzen lassen. Ihre Gebärmutter hat dich nicht abgestoßen, hurra, also war sie mit dir neun Monate schwanger und hat dich am soundsovielten dann und dann in Bangkok oder Pataya oder Chiang Mai geboren. Und dann haben Papa und ich, dein zweiter Papa, dich mit nach Hause nach Deutschland genommen.“
Jeder frage sich selbst ehrlich und aufrichtig, wie er es fände, wenn er selbst so entstanden und aufgewachsen wäre…
Ist das wirklich ethisch zu rechtfertigen?!
Warum gibt sich dieser Mann nicht mit seiner Wahl, schwul und damit unfruchtbar zu leben, zufrieden?
Warum wollen Menschen, die sich scheuen, ein Land zu betreten, dann draußen drinnen sein?

Jeder Mensch hat einen Vater und eine Mutter, von denen er nach Gottes Willen kommt.
Und daran wird sich in Ewigkeit nichts ändern.
Wir haben den Hoheitsbereich Gottes verletzt. Wie lange wird das gut gehen? Ich muss immer an Faust II denken…
Schon lange sind wir auf abschüssigem Pfad, schon lange zertreten wir mutwillig den Schöpferwillen Gottes.
Dieses Gesetz ist nur ein vorläufiger Endpunkt einer langen unguten Entwicklung. Es wäre daher ganz falsch, nun alleine Homosexuelle einer Fehleinstellung zu zeihen — nein: sie sind nur ein Element in einem insgesamt gefährlichen und tödlichen Spiel, das ein großer Teil der Menschen spielt. Denn was im Rahmen der homosexuellen Verbindung aus Not an natürlicher Potenz und Legitimation versucht wird, meint im Grunde alle.

Alle Elternschaft leitet sich von Gott her, den alleine wir in Christus Vater nennen sollen auf Erden und der uns tröstet wie eine Mutter, vor dem wir stehen und vor den wir treten müssen und vor dem wir Rechenschaft geben müssen am Ende der Zeiten für all das, was wir den Schwächsten, den Kleinen Menschen, denen alleine Jesus das Himmelreich versprochen hat, angetan haben.




Samstag, 6. Mai 2017

"Überschätzte Dogmen"? - eine Antwort an Dr. Heinz-Lothar Barth



"Überschätzte" Dogmen?
Von der Sophistik, die Dogmen, die man einst um jeden Preis definieren musste, in Dogmentreue inhaltlich zu marginalisieren trachtet
Eine Antwort an Dr. Heinz-Lothar Barth

Dass das Vaticanum I nicht nur bei den Zeitgenossen damals den Eindruck einer unsauberen Schmierenkomödie aufkommen ließ, von den hellsten Köpfen als ein Konzil des Traditionsbruches erlebt wurde und bis heute umstritten ist, erlebt anhand des derzeitigen Pontifikats eine Neuauflage der Überlegungen und Zweifel am Vaticanum I, die seit 1870 nie verstummt sind.
Wir haben seit 1870 schon viele glühende Apologeten der Papstdogmen erlebt. Aber seltsamerweise beweist uns ein großer Teil derselben in immer neuen Pirouetten, dass v.a. das Unfehlbarkeitsdogma eigentlich irrelevant sei. Das zweite Dogma vom Universalprimat wird ausgeblendet, es scheint den meisten Katholiken nicht bewusst zu sein.

In der katholischen Zeitschrift „Die Tagespost“ wurde vor einigen Wochen der „Weckruf“ „#sineDubiis — Wir gehen mit Papst Franziskus“ von Matthias Jean-Marie Schäppi und Friedrich Reusch diskutiert. Dieser „Weckruf“ richtete sich an katholische Konservative. Auf ihrem Blog „TheCathwalk“[1] verteidigten die Autoren am 18.2.2017 die Exhortation (nachsynodales Schreiben) „Amoris laetitia“ von Papst Franziskus vom 8. April 2016. Doch nicht nur das: Sie kritisierten die auf diese Exhortation hin formulierten und an den Papst gerichteten „Dubia“ durch vier bekannte Kardinäle, darunter zwei Deutsche, Kardinal Brandmüller und Kardinal Meisner, von Mitte September 2016[2].
Der „Weckruf“ erschien etwas später im Rahmen einer  Kontroverse am 25. 2. 2017 in der „Tagespost“ als „Pro“- gegen die Contra-Position Michael Hesemanns. Das nachsynodale Schreiben AL hatte zuvor schon im Kirchenvolk infolge der umstrittenen Familiensynode Unruhe und Empörung ausgelöst. Im Zentrum der Aufregung steht die Frage nach der Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zur Hl. Kommunion. Franziskus spricht an keiner Stelle davon, dass sie nun möglich sei. Sein Schreiben dreht sich — neben vielen anderen Kapiteln aus dem Themenbereich von „Ehe & Familie“ — um den pastoralen Umgang mit den Betroffenen.
Die „Dubia“ der vier Kardinäle vom September 2017 greifen diese Unruhe, wie sie sagen, aus ihrer Hirtensorge heraus auf. Sie verlangen auf einen ausführlichen und belehrenden an Franziskus gerichteten Fragekatalog Ja- oder Nein-Antworten ohne weitere Diskussion. Sie unterstellen vor allem den Abschnitten 300—305 Mehrdeutigkeit und sogar die Intention, die bisherige Lehre der Kirche aufheben zu wollen (v.a. in Dubium 2, dazu s.u.)
Nachdem Franziskus darauf nicht umgehend geantwortet hatte, machten sie ihr Schreiben nur zwei Monate später, im November 2016, für alle Welt öffentlich[3], was nach so kurzer Zeit — wenn man die Langsamkeit des römischen „Amtsschimmels“ bedenkt — durchaus als Nötigungsversuch erscheint. Nicht verschwiegen werden darf, dass der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Müller, sowohl dieses Vorgehen als auch die inhaltlichen Behauptungen der vier Kardinäle ebenfalls (informell) öffentlich verurteilt hat.[4]
Danach brach erst recht ein Entrüstungssturm im konservativen Lager aus. Das traditionell orientierte Kirchenvolk brach schließlich den fraglichen Sachverhalt herunter auf die Meinung, Franziskus habe das Dogma von der Unauflöslichkeit der Ehe geleugnet und sei darum ein Häretiker, und es sei gewissermaßen eine Frechheit, dass er den vier Kardinälen nicht antworte.

Die Autoren des „Weckrufes“ beklagten einen theologischen und logischen Widerspruch im traditionsorientierten Lager, der seit dem Vaticanum II spätestens und vor allem durch das Schisma, das Erzbischof Lefebvre ausgelöst hat, schwelt:
Man könne nicht geradezu übersteigert „lehramtstreu“ sein wollen und zugleich die Autorität des Papstes in dieser Weise angreifen, wo doch gerade sie nach 1870 sogar ganz einseitig „der“ Ausweis der Rechtgläubigkeit geworden war und den Papst mit einer perfekten, absolutistischen Immunität gegenüber jeder Kritik und jedem Ungehorsam ausgestattet hat. Genau dieses Faktum wird im Falle „unbotmäßiger“ Päpste jedoch — aus der Sicht streng ultramontaner Katholiken —ebenso vehement geleugnet wie es wiederum extrem eingefordert wird, wenn ein Papst dem entspricht, was dieselben Kreise von ihm erwarten.
Nicht dass ein Leser nun meint, ich hielte solche Szenarien nicht für natürlich oder rechtens — selbstverständlich sind Päpste zu einem guten Stück wohl immer schon Gallionsfiguren bestimmter kirchenpolitischer Lager gewesen, und daran wird sich durch kein Dogma der Welt je etwas ändern. Das ist gewissermaßen „conditio humana“. Ich plädiere hier für Gelassenheit. Es ist normal, dass Päpste von den einen bejubelt, den anderen scharf kritisiert werden.

Auf die Kontroverse in der „Tagespost“ vom 25.2.2017 erschienen viele Leserbriefe. Der erste, der uns hier interessiert, ist derjenige von Christoph Matthias Hagen vom 28.2.2017. Er stimmt in diesem Brief den „Weckruf“-Autoren in ihrer „papalistischen“ Argumentation ausdrücklich, und selbst dem einfachen Verstand leicht erfassbar, nicht zu, in der Sache jedoch schon. Warum ich dies ein bisschen polemisch formuliere, wird man später besser verstehen. Hagen nimmt das Konzept einer prinzipiellen „Papsttreue“ aufs Korn, die, rein positivistisch verstanden, hohl ist. Anders gesagt: Es ist sinnlos, dem Papst zu gehorchen, weil er der Papst ist. Man kann ihm nur gehorchen, wenn er auch recht hat. Nur steht es ja außer dem Papst niemandem zu, darüber zu urteilen, ob er recht hat. Das aber ist nun der Dreh- und Angelpunkt seit Pius IX., wie ich meine: Genau dies, ein rein positivistischer Kadavergehorsamsglaube, wurde von jenem Papst mit aller Unerbittlichkeit gewissermaßen als „Lebenswerk“ durchgezogen und zum Faktum gemacht, das die Kirche zuvor so — außer in der jesuitischen und franziskanischen Ordenstradition — nicht kannte. Ein lebendiger, unbedingt pneumatischer Christglaube kann per definitionem kein Kadavergehorsam gegenüber Menschen sein! Im NT finden wir nicht eine einzige Aussage, die eine solche Auffassung stützen könnte. Im Gegenteil — dort wird tatsächlich nicht das Ansehen der Person oder gar eine Hierarchie kultiviert, sondern eine Kette von apostolischen Dienern, die nach der Diktion des „Urpapstes“, Petrus, „keine Beherrscher“ sein sollen (1. Petr 5, 3), sondern sich so, wie es jedem Christgläubigen zukommt, dem anderen unterordnen. Genauso spricht auch Paulus (Eph 5, 21): „Seid einander untertan!“ Es ist auffallend, dass für den Raum der Kirche im NT gerade die alten Herrschaftsstrukturen der Sünde vollkommen überschritten werden, weil in Christus nicht mehr Jude noch Grieche, Mann noch Frau, Freier oder Sklave ist (Gal 3, 28). Im sogenannten antiochenischen Zwischenfall (Gal 2, 11 ff), in dem Paulus dem Petrus massiv und öffentlich widerstand, berief er sich darauf, dass er „nicht geringer“ sei als die „großen Apostel“ (vgl. 2. Kor 11, 5). In der Tat kann eine Amtsperson niemals über der Sache stehen, die sie vertritt oder mit ihr identifiziert werden. Alleine der Versuch, dies im Falle des Papstes zu tun („Die Tradition, das bin ich!“, „Die Kirche, das ist der Papst.“) muss als häretisch angesehen werden. Niemals kann es einem Menschen zukommen (außer allenfalls Maria, weil sie sündlos war), dass Akt und Potenz in ihm zusammenfallen.

Eine Berufung auf ein abstraktes Glaubensgut ist zwar aufgrund des NT vollkommen legitim, nicht aber nach den Dogmen seit 1870. Sie war seither, v.a. wegen des Dogmas vom Universalprimat, nicht mehr möglich, weil Pius IX. sich zum alleinigen und unhinterfragbaren Medium der rechten Interpretation des Glaubensgutes erhob, wofür auch sein unglaublicher Satz „Die Tradition, das bin ich!“, den er in den Wirren des Vaticanum I äußerte, mit aller Deutlichkeit spricht. Selbst Roger Aubert lässt in seiner Geschichte des Vaticanum I durchscheinen, dass er diesen Satz samt der ideologischen Absicht, die damals seitens Pius IX. vorangetrieben werden sollte, als eine schwere Entgleisung einstuft.[5]

Alle kircheninternen Brüche seither, gehe es dabei um die FSSPX oder verschiedene sedisvakantistische Gruppen, hängen mit der Schizophrenie zusammen, die aus den Dogmen von 1870, aber auch dem kirchlichen Ungeist, der den Papst damals sogar zur „dritten Inkarnation Christi“[6] erheben wollte (was Gott sei Dank nicht gelungen ist!), folgt.

In meinem darauf folgenden Leserkommentar in der Tagespost vom 4. März 2017 hob ich darauf ab, dass die aktuelle Problematik und Debatte um möglicherweise falsch lehrende Päpste und die Frage, wie man sich ihnen gegenüber verhalten kann, soll oder darf, aufgrund der dogmatischen Konstitution „Pastor aeternus“ von 1870 (Vaticanum I) für den Gläubigen aus logischen Gründen nicht mehr lösbar ist. Durch die beiden Papstdogmen von 1870 sind wir für immer in eine Schizophrenie gestürzt worden ist, aus der es kein Entrinnen „guten Gewissens“ mehr gibt. Was immer ein Papst mache, wir seien ihm „ohne Netz und doppelten Boden ausgeliefert“. Weiter schrieb ich: „Ob er also etwas Neues lehrt oder rechtgläubig bleibt, kann per definitionem niemand außer ihm selbst wissen“. Diese Position stütze ich auf das Faktum des realen Dogmentextes von 1870. Doch dazu später. Ich schloss meinen Brief mit dem Satz:
„(Wir werden andernfalls) aus der absolutistischen Falle, in der wir seit 1870 stecken, nie wieder hinausgelangen, die sich seit Jahrzehnten in immer quälenderen innerkirchlichen Szenarien ausdrückt.“

Auf diesen meinen Leserbrief antwortete am 6.3.2017 Christoph Matthias Hagen in einem weiteren Leserbrief. Er stimmte mir in meiner Analyse der Krisenlage, die der seinen, wie jeder erkennen kann, nahe stand, zu und fügte an, dass das Vaticanum I das Vaticanum II überhaupt erst hervorgerufen habe und das eine nicht ohne das andere gesehen oder revidiert werden könne.
„Ohne den Papstabsolutismus von 1870 wäre nie ein Papst auf die Idee gekommen, eine derart radikal-umfassende Liturgiereform wie 1970 durchzuführen. Und wenn doch, wäre sie nicht durchsetzbar gewesen. (…) Die Dogmen von 1870 sind vielleicht nicht falsch oder unwahr. Sicher sind sie aber risikoreich. Erkennbar war es aber, wenn man sehen konnte und denken wollte, schon 1870.“
Wie recht Hagen damit hat, werden wir weiter unten sehen.

Daraufhin erschien am 14.3.2017 eine umfangreichere Erwiderung Dr. Heinz-Lothar Barths, die sich an der Kritik Hagens am Vaticanum I rieb, dabei aber keinerlei Hemmungen zeigte, gleich am Anfang des Leserbriefes deutliche Kritik am Vaticanum II zu formulieren. Was man im einen Falle also vollkommen ausschließt, genehmigt man sich im andern Falle ohne Gewissensnot. Herr Dr. Barth demonstrierte damit vermutlich unbewusst genau diejenige schizophrene Haltung, auf die sowohl die Verfasser des „Weckrufes“ als auch auf eine eigene Weise Herr Hagen und ich hinweisen wollten. Auch wenn das Vaticanum II keine Dogmen definiert hat, ist es dennoch niemals statthaft gewesen, dass Laien oder Kleriker ein rechtmäßiges, von einem rechtmäßigen Papst einberufenes Konzil für zweifelhaft, falsch lehrend oder gar ungültig hätten ansehen und diese Meinung innerhalb der Kirche hätten verkünden dürfen. In einer krisenhaften Lage wie der unseren aber muss auf der Suche nach den Ursachen, wenn man Zweifel an einem Konzil äußert, Zweifel an jedem Konzil möglich sein.
Dass wir seit längerer Zeit in einer objektiven Krise sind und diese Krise von der Hierarchie ausgeht, kann andererseits niemand bezweifeln, der die Kirche liebt und mit ihr fühlt. Die gängige Meinung, das Vaticanum II habe „alles kaputtgemacht“ lässt sich kaum aufrechthalten, wenn man nicht Pius IX. und das Vaticanum I als die eigentlichen Auslöser dessen, was im Vaticanum II möglich wurde, erkennt.
Barth stellte Hagens Satz vom „risikoreichen Dogma“ in Beziehung zu Kardinal Kaspers, wie er schreibt „berühmt-berüchtigter Äußerung“, die der in seiner „Einführung in den Glauben“ von 1972 zu Papier brachte, Dogmen könnten „durchaus einseitig, oberflächlich, rechthaberisch, dumm und voreilig“ sein.
Barth fügt hinzu, „man“ dürfe „nicht vergessen“, die Lehre der Papstdogmen sei „feste Lehre der Kirche von Anfang an“. An dieser Stelle stieg mir unvermittelt die Besorgnis auf, dass der Herr Dr. Barth womöglich nicht weiß, wie heftig umstritten dieses Dogma nicht nur 1870 auf dem Konzil war, sondern dass es in der enggeführten Definition weder einen Schriftbeweis, noch einen eindeutigen Traditionsbeweis vorbringen konnte und den frühen Kirchenvätern völlig unbekannt war. Aus einem latenten Vorrang des Petrus geht durchaus weder logisch noch rechtlich das hervor, was wir in „Pastor aeternus“ lesen.[7] Vielmehr finden wir eine Linie päpstlicher Selbsterhebung und Machtansprüche seit dem frühen Mittelalter, die sich mit der Zeit als „Selbstläufer“ verstärkt hat, aber beileibe nicht von allen geteilt, sondern im Gegenteil Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen war.[8] Nicht zuletzt war das in dieser Weise vor allem im ungeistlichen Sinne machtbewusste Papsttum Auslöser politischer Krisen, Kriege und einer Doppelmoral, die sich bis zur Französischen Revolution wie ein kaum mehr übersehbarer Schuttberg aufgeworfen hatte. Die Kirche hatte einen weltlich-geistlichen Januskopf ausgebildet, der in unübersehbare politische Händel verstrickt war.
Darauf haben viele, teilweise sogar die besten Köpfe des 19. Jh wie Ignaz Döllinger, Bischof Hefele, Bischof Ketteler, auch Bischof Newman u.v.a. hingewiesen, aber nicht nur sie. Auch weniger bekannte Konzilsväter wie Bischof Stroßmayer von Djakovo waren geradezu verzweifelt über die Neuartigkeit dessen, was da in viel zu kurzer Zeit und ohne, dass es zuvor überhaupt als das Thema des Vaticanum I angekündigt worden wäre, „heruntergerissen“ wurde. Eine ebensolche Skepsis und Verärgerung lässt sich auch in Kardinal Newmans Werk nachzeichnen, dessen Position Barth mE nur verkürzt wiedergibt. Newman stand wie alle Gegner dieses Dogmas vor dem Dilemma, nach erfolgter Definition gezwungen zu sein, seine vorherige Glaubensüberzeugung auf „Knopfdruck“ auszuwechseln — für viele sogar in ihr blankes Gegenteil, ging es doch auf dem Vtaicanum I, wie Klaus Schatz gezeigt hat, keineswegs nur um das Argument der „Opportunität“, sondern wie schon zuvor auf dem Tridentinum um handfeste theologische und kirchenhistorische Hindernisse, die danach zwar unterdrückt wurden, aber bis heute nicht ausgeräumt sind. Newman sprach während des Konzils in seinem Tagebuch sogar davon, dass die Kirche in einer „Gefahr stehe, wie sie nie zuvor je größer für sie bestanden“ habe, größer also auch als die Gefahr in der Arianismuskrise, mit der er sich intensiv auseinandergesetzt hatte.[9]

Barth hält dieser alten und immer noch aktuellen Sorge Newmans prinzipiell entgegen, dass man diese Gefahr nur dann gegeben sehe, wenn man „das Dogma überschätze“.
Auch hier scheint mir Barth — wie sehr viele Menschen übrigens — den Dogmentext nicht genau gelesen oder in seinem Wortlaut nicht ernst genug genommen zu haben, der immerhin weit über jeder Interpretation desselben steht. Es nützt wenig, Interpretationen des Dogmas über den tatsächlichen Dogmentext zu stellen und dem, der das Dogma in seinem Wortlaut untersucht, womöglich noch, wie Barth das leider tut, mit einer ungezogenen Herablassung zu kontern. Mit diesen sachlich oft unzureichenden, nachträglichen Interpretationen oder Beschönigungen kann nicht entkräftet werden, aus welchem Geist diese Dogmen durchgepeitscht wurden und anschließend so auch für lange Jahrzehnte dem Kirchenvolk eingeimpft wurden. Maßgeblich ist und bleibt, rechtlich gesehen, der Dogmentext selbst, danach seine Rezeption in päpstlichen Lehrschreiben und nicht die apologetische Literatur über das Dogma.

Die Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes und seiner Universalgewalt erfolgte unter tagespolitischem Druck, brüllender Sommerhitze und konzilsinternen Intrigen. Sie erfolgte entgegen dem Willen eines viel zu großen Teils der Konzilsväter, die mindestens (!) ein Fünftel oder Viertel der Bischöfe ausmachten, am Ende, um das schlecht vorbereitete und überhastete Gebilde nicht mit abstimmen und nicht mitverantworten (!) zu müssen, nach und nach vorzeitig abreisten. All jene, die dem Dogma nicht zustimmten, mussten danach selbiges in ihren Diözesen vertreten. Sie versuchten, wenigstens die Bedeutung der Dogmen so tief wie möglich herab zu “interpolieren“, um selbst damit leben zu können und in ihren Diözesen nicht unglaubwürdig zu werden, hatten sie doch zuvor dort nicht selten das Gegenteil des nun definierten Dogmas gegenüber ihren Diözesen und den beunruhigten weltlichen Regierungen vertreten. Im Raum stand die Befürchtung, dass die Katholiken durch das Dogma vom Universalprimat des Papstes in einen Zwiespalt zu ihren weltlichen Regierungen gedrängt werden könnten und die Kirche so einen „Staat im Staat“ aufbauen könnte. Der deutsche Kulturkampf rührte genau aus jener Besorgnis. Viel zu oft unterschlägt man in der katholischen Apologetik, dass die beiden unseligen Dogmen nicht nur ein Schisma, sondern auch diese politische Krise in Deutschland hervorriefen. Pius IX. approbierte alles, was sich nur irgendwie zustimmend zu den Dogmen hernach äußerte, auch Ausführungen, die wiederum untereinander nicht übereinstimmten.[10]
Barth zitiert in seinem Leserbrief Kardinal van Rossum, der erklärt habe, man müsse, um die Papstdogmen recht zu verstehen, den Unterschied zwischen „ordentlichem“ und „außerordentlichem“ Lehramt begreifen. Und nur „außerordentliche Lehrakte“ seien mit den Dogmen gemeint.
Wer jedoch die Dogmentexte liest, sieht auf den ersten Blick, dass davon gar keine Rede sein kann. Dort wird keine präzise Einschränkung auf bestimmte Teile des Lehramtes vorgenommen. Ich werde das noch zeigen. Dabei werden wir auch erkennen müssen, dass das Lehramt selbst sich später ausdrücklich gegen eine solche Bedeutungseinschränkung verwahrt hat.

Vielleicht kann man es aber auch so sehen:
Mithilfe dieses Interpretations-„Kniffs“ hat sich der sensus fidei fidelium schon damals aus der dogmatischen Schizophrenie befreit, die nun faktisch verhängt worden war. Man hat sich wie in einem gesunden Reflex — von kaum noch zu erwartenden Dogmen abgesehen — im Grunde des Dogmas entledigt. Etwas, das sowieso nie genutzt wird, hätte nicht definiert werden müssen… Praktisch wurde es in einer solchen Interpretation gegenstandlos. Beschwichtigend wird oft vorgetragen, nach 1870 sei ja nur „einmal Gebrauch gemacht worden“ von dem Dogma, nämlich 1950 bei der Definition der Assumptio Mariens. Fragt sich dann allerdings nur, warum dann ausgerechnet um ein nahezu gegenstandsloses Dogma so erbittert gestritten werden und eine Kirchenspaltung inkauf genommen werden wollte?!
Hinzukommt, dass die Kirche eine Unterscheidung von „ordentlichem“ und „außerordentlichem Lehramt“, die „unser Herr Jesus Christus“ eingeführt habe, vor Pius IX. nicht kannte. Kurz vor dem Vaticanum I wurde sie beiläufig eingeführt, später aber nicht aber auf das Dogma bezogen.
Ich schrieb damals am 15.3.2017 eine Erwiderung an Herrn Dr. Barth, die aber nicht veröffentlicht wurde. Ich gebe sie hier zur Kenntnis:

„Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit im Lager der Traditionalisten Sätze aus immerhin dogmatischen Konstitutionen des Vaticanum II offen angezweifelt und verworfen werden, das Vaticanum I aber, das hinsichtlich seiner formellen Abläufe wesentlich fragwürdiger war und mit Sicherheit eines Tages, wenn die Kirche noch tiefer gefallen sein wird, noch einmal auf den Prüfstand kommen muss, aber mit einem „katholischen“ und unantastbaren Heiligenschein versehen wird.
Man muss sich schon entscheiden. Was man sich selbst beim einen Konzil erlaubt, muss man den anderen beim anderen zugestehen…
Nun geht es ja nicht darum, ob der eine oder andere Satz fragwürdig, zeitgemäß oder sogar regelrecht irrig ist, der von Päpsten oder Konzilien kommt. Es geht um einen logischen Widerspruch in dogmatischen „Entfaltungen“.
Die Unterscheidung zwischen einem „ordentlichen“ und einem „außerordentlichen“ Lehramt ist eine zwar reaktionäre, aber dennoch nur zeitgeistige und moderne Erfindung des 19. Jh. Davon sprach man 1800 Jahre lang in der Kirche nicht. Pius IX. ließ diesen Begriff 1863 in seinem Brief an Erzbischof Scherr erstmals in die Debatte einfließen. Dieses Breve, kurz vor der Einberufung zum Vaticanum I formuliert, verlangt dem Theologen Unterwerfung gegenüber jeglicher päpstlicher Äußerung ab, auch wenn es unklar hinzufügt, es sei nicht alles Teil des Glaubensgutes. Zwar könne man einen widersetzlichen Gelehrten nicht direkt als Häretiker bezeichnen, aber dennoch ähnlich wie einen solchen behandeln… Das Dilemma, von dem wir hier reden, wird hier schon deutlich.
Wer die dogmatische Konstitution „Pastor aeternus“ sorgsam liest, muss entdecken, dass dort keine Unterscheidung getroffen wird zwischen einem „ordentlichen“ und einem „außerordentlichen Lehramt“. Die Art und Weise, in der der Papst den Gläubigen etwas als zu glauben vorlegt, wird nicht genauer definiert, lässt also somit objektiv offen, was nun ins Spektrum des Unfehlbaren gehört und was nicht. Ferner wird dem Gläubigen abverlangt, dass er sich generell der gesamten Regierungsgewalt des Papstes nicht nur (manchmal) zähneknirschend, sondern mit innerer Zustimmung unterwirft. Dem, der dem zuwider handelt, wird in Aussicht gestellt, „Schiffbruch“ im Glauben zu erleiden.

Herr Dr. Barth darf sich dieser Forderung nicht einfach verschließen, denn sie gehört mit zu den Dogmen des Vaticanum I. Andernfalls würde er gewissermaßen im Reflex, aber uneingestanden dasselbe tun, was Kardinal Kasper offen tut: das Riskante dieser Dogmen einfach ignorieren oder sogar verneinen, als wäre es nicht da. Es ist aber da.

Unser Dilemma heute ist, dass diese beiden Dogmen sich selbst in die Absurdität geführt haben. Das ist ein logisches Problem, mit dem keine Seite fertig wird.

Wer erleidet nun „Schiffbruch“?
Die, die dem Vaticanum II und Franziskus folgen, auch wenn dieses Konzil und dieser Papst das Gegenteil von dem zu lehren scheinen, was ihre historischen Antipoden des 19. Jh wortgewaltig und streng verkündeten?
Oder die, die dem Vaticanum II bzw. einigen Sätzen und Franziskus nicht folgen, weil sie das Nicht-Schiffbrucherleiden eben doch nicht an den Papst, sondern an einen Traditionsstrang binden?
Auf dem Vaticanum I wurde erbittert debattiert, ob eine solche Zuspitzung päpstlicher Gewalt, wie sie damals durch die Maximalisten erreicht werden wollte, wirklich im Nukleus der Überlieferung steckt. Die Sachargumente der Minimalisten waren die redlicheren. Auch das Schriftzitat Dr. Barths gibt diese Dogmatisierung nicht her. Schon damals wurde zu bedenken gegeben, dass es ja nicht sein kann, dass man eines Tages Fehler, die mit Macht in der Kirche vorangetrieben wurden von bestimmten Interessengruppen, wenn diese Fehler nur lange genug vorangetrieben wurden, auch schriftfern als „Tradition“ angesehen werden dürften. Weder die Schrift noch die Väterliteratur gibt die Entwicklung in dieser Maximalisierung her, die nicht zuletzt einer der Hauptgründe für die diversen Kirchenspaltungen war und ist.

Wie man die Sache dreht und wendet, man entrinnt dem logischen Dilemma nicht. Das Dilemma ist, dass wir mit dem Vaticanum I objektiv einem theologischen Voluntarismus ausgesetzt sind, den niemand mehr lösen können wird und der uns derzeit eiskalt einholt.“

Aufgrund des damals schon extrem einseitigen und den vollständigen Sachverhalt verkürzenden Schreibens Barths entstand der Eindruck des klassischen „Was nicht sein kann, das nicht sein darf“. Vor allem erkennt er nicht, dass für das Verständnis des Unfehlbarkeitsdogmas nicht nachfolgende beschwichtigende Interpretationen irgendwelcher Kanonisten oder Apologeten, sondern das im selben Schreiben definierte Jurisdiktionsdogma des Papstes maßgebend ist. Diese beiden Dogmen zusammen erlauben keinerlei Spielraum mehr, sich einem Papst entgegenzustellen, was immer er tut. Theoretisch muss der Papst sich an die Lehre der Kirche halten, aber es ist kein Instrument mit auf den Weg gegeben worden, eine Prüfung, ob er das denn tue, zuzulassen. Er hat deswegen immer recht, weil er der Papst ist und mit seinen Urteilen und Entscheidungen per definitionem „nicht von der Zustimmung der Kirche abhängig ist“ (s.u.).

Inzwischen hat die Forschung sehr viele Archivakten bearbeitet, und es sind zahlreiche, ganz neue Werke zum fraglichen Themenkreis erschienen. Diese neuesten Forschungsarbeiten über die Szenarien um das Vaticanum I ernüchtern erheblich. Herr Dr. Barth scheint diese neueren Forschungen noch nicht zur Kenntnis bekommen zu haben oder aber mancher konservativen Polemik gegen solche Arbeiten zu folgen. Ich empfehle jedem, sich hier unbedingt auf dem Laufenden zu halten. Bis heute wurde August Bernhard Haslers umfangreiche Quellenstudie zum Vaticanum I[11] mit Herablassung, Polemik und Abwertung bedacht. Sein Material ist jedoch von niemandem widerlegt worden und steht im Grunde als eine übergroße, anklagende Frage im Raum der Kirche. Vor seinem Tod arbeitete er an einer Untersuchung über den Zusammenhang zwischen dem dogmatisierten Papstabsolutismus von 1870 und den späteren Führerkulten. In der Tat besteht hier ein geistiger Zusammenhang, für den viele Fakten sprechen. Die anfängliche Verkennung der Nationalsozialisten durch reaktionäre Katholiken fußte ausdrücklich immer auf der Meinung, nun werde endlich wieder eine „gottgewollte“ streng führerzentrierte, hierarchische Regierung eingerichtet, die womöglich das alte römische Reich („Drittes Reich“) wiedererstehen lassen würde.[12] Auch die Förderung des italienischen Faschismus durch Pius XI. hängt unmittelbar mit den politischen Leitbildern zusammen, die aus dem Vaticanum I auf politische Herrschaft übertragen wurden.
Aber auch Klaus Schatz SJ Studien zum Vaticanum I[13] offenbaren, wie komplex die Situation war, welch schmerzhafte Erfahrungen und Vorgänge sich abspielten und wie machtbewusst und oft unredlich die ultramontan-maximalistische Fraktion um Pius IX. herum agierte, zumal der Papst zunehmend Druck ausübte auf die Vorgehensweisen des Konzils.[14]
Tiefe Einblicke in die Befindlichkeit Newmans gibt die Studie von Adrian Lüchinger.[15] Weiter zeichnen die neueren Studien Hubert Wolfs, etwa über die Sitten um Pius IX., der offenbar falschmystischen Kulten, um es vorsichtig zu formulieren, nicht abgeneigt war, in deren Dunstkreis geradezu haarsträubende, auch im Sinne des Strafrechts kriminelle und im Sinne des Kirchenrechtes formell häretische Dinge geschahen, die den Papst aber nicht davon abhielten, einen dieser Delinquenten, nämlich Josef Kleutgen SJ, zu „begnadigen“ und bevorzugt für seine konziliaren Unfehlbarkeitsambitionen anzustellen, eine Konstellation, der mir aus der gesamten Kirchengeschichte nicht bekannt ist. Kleutgen war schlussendlich der, der den Dogmentext entworfen hat. [16]
Einen ebenso erschreckenden Einblick in die geistige und moralische Verfassung der ultramontanen Maximalisten bietet die Studie von Otto Weiß über die Vorgänge um die Seherin Louise Beck, um die ein ausufernder, spiritistischer Kult mit sexuellen und häretischen Exzessen durch die Redemptoristen in Altötting, Bischof Reisach, Bischof Senestrey (beides fanatische Kämpfer für das Unfehlbarkeitsdogma) und einige andere hohe Würdenträger bis hinauf nach Rom aufgebaut worden war. Es besteht für den Autor der naheliegende Verdacht, dass die Seherin über Bischof Reisach, der von Pius IX. nach Rom geholt worden war, um das Konzil vorzubereiten, und der „ein Kind der Mutter“ (also in den kultischen spiritistischen Altöttinger Kreis gehörte) war, hinsichtlich der geplanten Dogmen konsultiert worden war. Louise Beck diente als Medium für die Weisungen der „Mutter“, hinter der sich die verstorbene Ehefrau eines der Redemptoristenpatres verbarg, die regelmäßig beschworen wurde, um anzusagen, was der Himmel von seinen Dienern im politischen Geschäft verlange. Louise Beck wurde von mehreren kirchlichen Würdenträgern bei wichtigen politischen Handlungen um solche Anweisungen und Ratschläge aus dem Jenseits gebeten.[17] Man kann annehmen, dass dies auch hinsichtlich des Vaticanum I geschah. Die vorbereiteten Schemata sahen jedenfalls keine gesonderte Debatte über die päpstliche Sonderstellung vor, sondern eine dogmatische Konstitution über die Kirche („De ecclesia Christi“), im Rahmen derer die Papstfrage nur ein Unterkapitel ausmachte. Es überrascht daher, dass auf dem Konzil plötzlich nur dieses Unterkapitel übergroß aufgeblasen wurde.

Ich möchte anfügen, dass ich keineswegs polemisch auf die Forschungslage verweise, sondern aus eigener Erfahrung spreche. Ich habe selbst einmal diese „traditionalistischen“ Standpunkte vertreten und musste entdecken, dass sie bei nüchterner Betrachtung der Dinge und intellektueller Redlichkeit nicht haltbar sind. Hinzukommt, dass gerade bei den neueren Dogmen meist der Schrift- und Traditionsbeweis entweder ganz fehlt oder auf äußerst brüchigem Boden steht. Nicht umsonst wurden sie bereits als eine Art „Dogmata honoris causa“ behandelt, Dogmen zweiter Klasse gewissermaßen, Dogmen, die nichts klären, sondern die als Vehikel der hierarchischen Macht- oder Verehrungsdemonstration dienen sollen und inhaltlich zum mindesten nicht falsch sein sollten.[18]
Anders gesagt:
Mit fortschreitender Zeit wird die Definition von Dogmen in ihrem alten, frühchristlichen Zweck, nämlich Glaubenssätze überhaupt erst einmal zu schärfen und gegen häretische Tendenzen um des Seelenheiles der Gläubigen willen zu verteidigen, immer unplausibler. Man muss mit Recht fragen dürfen, wozu man nach 2000 Jahren etwas für den Glauben Grundsätzliches erst jetzt zu klären hätte. Immerhin hätten Christen dann 2000 Jahre lang u.U. ungeahndet einem glaubens- und das Seelenheil schädigenden Irrtum angehangen. Dogmen sind seit Pius IX. zum Herrschaftsinstrument geworden. Sie mögen inhaltlich nicht falsch sein, aber nicht jeder Glaubenssatz ist geeignet, Dogma zu sein. Während etwa das Dogma von der Dei Genitrix in der frühen Kirche einer handfesten christologischen Notwendigkeit entsprang, kann für das Immaculata-Dogma keine solche Notwendigkeit erkannt werden.

Die oft zu hörende, scheinplausible Auffassung, man sei kein Häretiker, solange man eine Lehre ablehne, die noch nicht definiert sei, man werde aber sofort danach zu einem solchen, wenn man nicht „Gewehr bei Fuß“ seine bisherige Überzeugung über Bord wirft und sich bedingungslos der neuen Lehre „unterwirft“, ganz so, als seien Glaubensüberzeugungen mechanische, seelenlose Bausätze, die man auf Knopfdruck, Befehlen entsprechend, umbaut, weist einen Glaubens-Positivismus auf, der an sich schon als Glaubensabfall betrachtet werden muss. In einer pneumatischen Kirche mit einem geheiligten allgemeinen Priestertum wäre ein solcher Zustand schlechterdings absurd.
Wenn ich etwas, das ich gerade noch geglaubt habe und auch glauben durfte, auf Befehl hin nicht mehr glauben darf, dann habe ich weder das eine noch das andere wirklich je im Glauben angenommen.
Glaubensüberzeugungen sind ja kein Firnis, den man annimmt und abstreift je nach Opportunität gegenüber der Hierarchie. Und wenn man sie doch so sehen will, verdienen sie den Namen der Überzeugung nicht. Ein solcher Glaube ist kein Glaube, sondern eine sektiererische, voluntaristisch gefärbte Gehirnwäsche. Wenn vorher mein Seelenheil inhaltlich davon nicht abhing, warum sollte es nach einer Dogmatisierung plötzlich davon abhängen?
Nun operieren aber päpstliche Texte seit dem 19. Jh unverhohlen mit genau jener Drohung, einen jeden, der es nicht schafft, eine Glaubensüberzeugung oder auch einen Zweifel schnell genug vollständig aus seinem Herzen zu reißen, als Häretiker unter Anathem zu scheuchen.

Entsprechende Irritationen rief diesbezüglich bereits das Immaculata-Dogma in der Zuspitzung von 1854 hervor. In der Engführung der Formulierung von 1854 wurde diese Lehre nicht fraglos immer und von allen geglaubt. Ganz im Gegenteil. Sie war nicht nur den Kirchenvätern gänzlich unbekannt, sondern ist auch im Schrifttext nirgends direkt oder indirekt auffindbar. Die Bulle „Ineffabilis Deus“, in der Pius IX. diese Lehre nun verkündete, ist gemessen an dieser historischen und theologischen Realität atemberaubend unbesorgt um die gut bezeugten Auseinandersetzungen in der Kirchengeschichte, in deren Verlauf diese Lehre sogar aktiv und heftig von den hervorragendsten Lehrern der Kirche, wie Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Bonaventura und Katharina von Siena ausdrücklich abgelehnt wurde. Man kann sogar mit Recht sagen, dass das, was Pius IX. da behauptet, schlicht nicht der Wahrheit entspricht. Diese zugespitzte Lehre gehörte in den ersten 1000 Jahren nicht zur festen Glaubenstradition und danach galt sie als „opinio nova“ und war heftig umstritten — das ist eine historische Tatsache.
Es kann sich also nicht um eine Lehre handeln, die immer und überall von allen geglaubt oder interesselos sowieso angenommen wurde, sondern um eine Lehre, die neu entstand und Gegenstand gezielter Machtpolitik war. An der Sorbonne verweigerte man ab dem späten 15. Jh Anwärtern die akademischen Titel, wenn sie nicht unterschrieben, sich für die Verbreitung eben dieser Lehre einzusetzen, die dann durch Pius IX. nach 400 Jahren solcher erpresster Propaganda zum Dogma erklärt wurde. Der Glaube wurde hier also bewusst gelenkt, erzwungen und alle Zweifler und Gegner, die sich vor allem unter den innerkirchlichen Intellektuellen und Gelehrten vom Dominikanerorden fanden, mit unlauteren Mitteln ausgeschaltet. Wer verzichtete schon auf seinen Magister- oder Doktortitel, nur weil er diese Lehre vielleicht nicht glaubte? Andererseits bedeutete der Schachzug, alle Absolventen der renommiertesten mittelalterlichen Universität Europas zu einem Bekenntnis zu dieser umstrittenen Lehre zu erpressen, eine gewisse Garantie für deren Verbreitung auf dem ganzen Kontinent. Pius IX. stieß in seinem Dogmentext die Bischöfe vor den Kopf, weil er nicht erwähnte, dass er in Einigkeit mit ihnen das Dogma verkünde. Vielmehr hatte er sich von den Bischöfen mitteilen lassen, wie das Volk über diese Lehre denke… Man würde eine solche Methode heute raffiniert und „populistisch“ nennen.
Die neuen Mariendogmen haben den Glauben an sie nicht vermehrt. Im Gegenteil — wie Newman es vorhergesagt hatte, würde deren Definition den Glauben an sie schwächen bzw verwirren (!).[19] Und tatsächlich: seit 1854 ist nicht etwa eine gesunde Marienverehrung konsolidiert worden, sondern es entstand ein blühender und ungesunder, mystizistischer Marienaberglaube, der von der gesunden Gestalt der klugen und nüchternen Frau in Christus und Mariens im besonderen vollkommen abgeführt hat. Die Kirche leidet heute unter einer Flut angeblicher oder wirklicher "Marienerscheinungen", mithilfe derer gezielt Politik betrieben wird und über die zahlreiche Irrlehren und ein massiver Okkultismus in die Kirche eingedrungen sind. Die Früchte solcher Definitionen, die ohne Not als Vehikel anderer Ambitionen dienen, sind faul. Deswegen ist der Inhalt des Dogmas zwar nicht falsch, aber es ist falsch, aus bestimmten Typen von Glaubenswahrheiten Dogmen zu kreieren.
Genau das hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Kardinal Kasper gemeint und ähnlich auch Christoph Matthias Hagen.

Die Rede davon also, dass man mit erfolgter Definition nun das Rechte zu glauben habe (also das, was der Papst definiert hat) und im Falle des bloßen inneren Zweifelns bereits zum Häretiker abgestempelt wird, weil man ja nun das Irrige glaubt, lässt unter logischen, nicht nur glaubenspositivistischen Gesichtspunkten gesehen, die Frage aufsteigen, ob die Ablehnung dieser Engführung von 1854 vorher nicht ebenso irrig war wie nachher und die genannten Kirchenväter und hervorragenden Kirchenlehrer dann nicht allesamt in einem Irrtum befangen waren, wenn er andererseits so markig bewertet wird, dass man deswegen von nun an Menschen mit der Hölle droht?
Ist das Problem nun, dass man den Inhalt des Dogmas bezweifelt oder nicht schlicht dies, dass man dem Papst nicht willenlos und ohne noch nach einem Verstehen und Erfassen von Glaubenswahrheiten zu trachten, in allem blind folgt? Tut man aber letzteres, ist von einem echten Glauben nicht mehr zu reden, wie bereits dargelegt.
Die katholische Kirche hat sich so einem Voluntarismus geöffnet, der sie in die Nähe islamischer Unterwerfungstheologie rückt, aber auch andererseits ganz moderne Konzepte des Geniewahns oder des Übermenschenglaubens (die dem Papst zugeordnet werden können) anklingen lassen. In der frommen Literatur des späten 19. Jh kann man Notizen finden, die in diese Richtung gehen. Leider finde ich die Quelle nicht mehr, aber ich las einen Reisebericht eines Priesters, der in Rom zu seinem übergroßen Glück eine Audienz beim Papst bekam. Seine Gefühle, als er sein Idol sah und mit Jesus identifizierte, erinnern an die hysterischen Reaktionen jugendlicher Popkonzertbesucher der Sechzigerjahre. Aber noch Kardinla Meisner äußerte sich einmal ähnlich schwärmerisch in einer Gesprächssendung bei „Beckmann“ im ARD, als er ebenfalls behauptete, aus dem Gesicht Benedikts XVI. leuchte Jesus heraus.
Was jedoch Glaubenswahrheit und jede Wahrheit betrifft: Logisch betrachtet ist die Wahrheit aus sich selbst heraus wahr und nicht deshalb, weil einer sie definiert. Ebenso ist der Irrtum in sich selbst irrig — nicht weil einer sagt, das sei ein Irrtum.

Zunächst möchte ich auch noch den Leserbrief zitieren, den Christoph Matthias Hagen am 14.3.2017 auf Dr. Barths Ausführungen folgen ließ:
„Mit großem Interesse habe ich die Erwiderung Heinz-Lothar Barths auf meinen vorausgegangenen Leserbrief vom 7. März 2017 zur Kenntnis genommen. Wie immer argumentiert er kenntnisreich und anregend und verbindet damit Literaturhinweise, denen nachzugehen stets lohnt. Tatsächlich hatte ich bei meiner rhetorisch gezielt zugespitzten Formulierung, von vielleicht nicht falschen oder unwahren, aber risikoreichen Dogmen zu schreiben, die von Barth als berühmt-berüchtigt qualifizierte Einschätzung Walter Kaspers im Sinn. Dieser möchte ich mich zwar nicht vollumfänglich anschließen und denke persönlich auch nicht, dass Kasper damit behaupten wollte, sämtliche Adjektive, die dieses Zitat enthält, träfen in jedem Einzelfall kumuliert zu. Ich gebe zu bedenken, dass es jedenfalls doch so ist, dass eine Wahrheit nicht unbedingt dogmatisch fixiert sein muss, um gültig und durchaus verbindlich dem Glauben der Kirche zugehörig zu sein. In diesem Sinne können Dogmatisierungen meines Erachtens tatsächlich voreilig oder zumindest überflüssig sein, weil sie eine Festlegung bedeuten, die sich im Nachhinein als entbehrlich oder eben auch als riskant erweist. Letzteres sehe ich bei den Dogmen von 1870, vor allem der päpstlichen Unfehlbarkeit, in der Tat als gegeben an, habe aber bereits in meinem ursprünglichen Leserbrief, auf den Barth sich bezieht, dezidiert und unmissverständlich ausgedrückt, deshalb keineswegs die altkatholische Ablehnung dieser dogmatischen Definitionen zu teilen. Was ich meine, lässt sich wohl auch am Dogma vom 1. November 1950 gut zeigen: Dieses war gewiss nicht in dem Sinne notwendig, dass ohne es der Glaube an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel in der Kirche erloschen wäre oder fehlen würde. Mein Anliegen war vor allem, meine im Laufe der Jahre immer deutlicher gewordene Überzeugung in die Diskussion einzubringen, dass Vaticanum I Vaticanum II erst ermöglicht und es deswegen eine Schwierigkeit bedeutet, dass beispielsweise in der Priesterbruderschaft St. Pius X. ein ganz bestimmter Traditionsstrang fortlebt, den ich als eine konkrete theologische und kirchenpolitische Strömung verstanden wissen will und den man treffend als ultramontan-jesuitisch charakterisieren kann. In den Modernismusbegriff gingen vielfach wohl auch ungerechtfertigt jene spirituellen, theologischen und kirchenpolitischen Richtungen ein, die in den Jahrhunderten zuvor in der Kirche unbestrittenes Heimatrecht besaßen und dem rechten Glauben nicht widersprachen, indes nicht als ultramontan-jesuitisch zu fassen sind.
  Speziell im gegenwärtigen Pontifikat entsteht also das Problem, dass konservative und vor allem traditionalistische Kritik, in der mehr oder weniger stark ein ultramontaner, autoritärer Papalismus bejahend vorausgesetzt ist, sich an einen Papst richtet, der diesen Papalismus vielleicht als erster ähnlich selbstbewusst und konsequent praktiziert wie Pio Nono, ihn aber inhaltlich in einer Weise füllt, die traditionsgebundenen Katholiken vielfach im Kontrast zur beständigen Lehre und Praxis der Kirche zu stehen scheint und zunehmend auch jene Konservativen befremdet, die bisher sich stets aufseiten des Heiligen Vaters verorteten und sich nun verwundert in ein Gegenüber zu ihm gedrängt fühlen, um den politischen Begriff der Opposition nicht zu strapazieren.“

Sein damaliger, unsere Fragen erstickender Leserbrief in der „Tagespost“ hat Dr. Barth offenbar keine Ruhe gelassen. Er hat ihn nun ausgeweitet zu einem umfangreichen Artikel in der „Kirchlichen Umschau“ vom April 2017
Herr Dr. Barths aktueller Text beginnt schon mit einer höchst unsachlichen Einleitung, die viel gekränkte Eitelkeit vermuten lässt. Er habe doch ausführlich über das Schreiben „Amoris laetitia“ bereits referiert, also müsste doch klar sein, dass mit dem päpstlichen Schreiben ein Problem vorliege. Er spricht von „papalistischen Tendenzen“ und bezeichnet jene Personen, die er nicht nennt, aber angreift, als so „beratungsresistent wie Luther“. Von dieser unspezifischen Schuldzuweisung geht Dr. Barth sofort zum Schlag gegen Christoph M. Hagen über, dessen ersten Leserbrief er „fatal“ nennt. Er hängt sich, wie schon in seinem Leserbrief in der „Tagespost“ an der Formulierung auf, Dogmen könnten „risikoreich“ sein. Er reagiert mit spürbarer Empörung auf Hagens bewusste Nähe zu Kardinal Kaspers „berühmt-berüchtigter“ Äußerung. Noch einmal wiederholt er seine ultramontan-jesuitisch eingefärbten Ansichten über die Papstlehre, die schon immer so geglaubt worden und darum „unantastbar“ sei. Allerdings gibt er zu, dass sich diese Lehre „erst aufgrund der Zeitumstände so entwickelt“ habe. Er verschweigt, dass sich diese Lehre nicht ausschließlich "fest" und ohne heftige, ca. 1000 Jahre alte Gegenwehr entwickelt hat, um deretwillen die Kirche sich in mehreren Schüben gespalten hat. Und „alleine schon deswegen“ sei sie „irreversibel“. Das ist zwar nicht logisch, offenbart aber den schon erwähnten problematischen Positivismus. Recht hat der, der die Macht hat, auch wenn es nicht plausibel ist, keine einhellige Überzeugung der ganzen Kirche war oder ist und deshalb keine unanimitas auf sich vereinigen konnte. Barths Schriftzitate sind wie schon zuvor in der „Tagespost“ und wie die Minimalisten auf dem Konzil damals schon ausführlich nachwiesen, nicht ausreichend, um diese Lehre zu begründen. Barth beginnt anschließend einen Tour d’horizon durch die Legende von der tapferen Papstkirche gegen den abgrundtiefen und hochgefährlichen Modernismus, dieses inzwischen zum Gähnen abgenutzte Schwarzweiß-Märchen über die Herkunft der Kirchenkrise…
Barth zitiert ein weiteres Mal Newman, der „kein prinzipieller Gegner“ des Papstdogmas gewesen sei und das Dilemma vorausgesehen habe, das folgen würde, wenn ein Papst installiert würde, der nicht mehr dem folgt, was man in einem bestimmten Lager für die einzig richtige „Tradition“ hielt.
Erneut halte ich an diesem Punkt inne, denn Newman sehr wohl ein prinzipieller Gegner des Dogmas, wie es aus der Studie Lüchingers hervorgeht. Barth ist hier unpräzise: Man kann sicher sagen, dass Newman selbst an eine Unfehlbarkeit des Papstes glaubte, allerdings nicht losgelöst von der der Kirche (wie es das Dogma ausdrücklich formuliert). Er war kein Gegner des Unfehlbarkeitsglaubens, aber das Dogma hielt er prinzipiell für verheerend, wie ich schon mit mehreren Zitaten angedeutet habe. Man kann im Falle Newmans sehen, dass er ein gutes Stück opportunistisch reagierte, nachdem das Dogma nun einmal definiert war. Was hätte er auch tun sollen? Er gab zu, nicht rechtzeitig interveniert zu haben.[20] Pius IX. hatte im Einberufungsschreiben „Aeterni Patri“ nicht mitgeteilt gehabt, dass er die Papstdogmen zu definieren gedenke. Newman war darüber sogar erbost. Er schrieb: „Dann erzählt Bischof Manning, (…) (die Definition) werde sicher erfolgen, und überdies, sie sei seit langem beabsichtigt gewesen! Lange beabsichtigt und doch geheimgehalten! Sind die Gläubigen jemals in dieser Weise behandelt worden?[21]
Wie er waren alle nicht-eingeweihten Bischöfe (also alle potenziellen Gegner) mit diesem Thema so spät überrascht worden, dass sie sich darauf nicht mehr vorbereiten konnten.
Newmans teilweise komplizierte Gedankenführung und Entwicklung zum Thema „Unfehlbarkeit“ kann hier nicht weiter ausgeführt werden. In jedem Fall aber stellte er der päpstlichen Unfehlbarkeit ebenso komplizierte Überlegungen zum Primat des persönlichen Gewissens gegenüber und relativierte früh die Aussagen des Dogmas. 1879 soll Döllinger über Newman gesagt haben, Leo XIII. würde diesen Mann niemals zum Kardinal erhoben haben, wenn ihm bekannt gewesen wäre, welche Ansichten er über das Unfehlbarkeitsdogma geäußert habe, was alleine an der englischen Sprache liege, die in Rom wenig verstanden werde.[22] Gerade Newman ist der denkbar schlechteste Zeuge für die Zeugenschaft, zu der Barth ihn heranzieht. Ich habe übrigens in meiner Heimatpfarrei vor vielen Jahren einen Priester erlebt, der Newman oft ganz im Gegenteil als Kronzeugen des Rebellentums gegen das Unfehlbarkeitsdogma anführte. Auffallend ist zudem an seinem Ansatz, das Dogma irgendwie verträglich zu machen, dass er behauptet, die päpstliche Unfehlbarkeit sei dieselbe wie die der Kirche, obwohl das Dogma sich hier merkwürdig ausdrückt und die Unfehlbarkeit der Kirche in einem eigenen Schema vorgesehen, aber nicht diskutiert worden war.[23]
An Newman wird deutlich, wie die dem Dogma skeptisch gegenüber stehenden Bischöfe je eigene Wege suchten, sich mit den beiden neuen Dogmen zu arrangieren, sie aber durch eigene theologische Konzeptionen, im Falle Newmans mithilfe einer Theologie des Gewissens als „Stimme Gottes“ im Herzen, die Vorrang vor der des Papstes habe, zu einem guten Teil unterliefen.

Barth holt nun zu einer Beschuldigung Hagens aus, die man böswillig nennen muss. Er schreibt:
„Und Newmans und anderer Ausführungen sollten von Zeitgenossen wie Christoph Matthias Hagen zur Kenntnis genommen werden, bevor man das Unfehlbarkeitsdogma papalistisch auslegt und dann kritisiert.“
Barth hat Hagen offenbar gar nicht verstanden. Hagen hob auf den Dogmentext ab und die aus ihm erwachsende Problematik. Zu „Newmans oder anderer Ausführungen“ hat er sich nicht geäußert, da ja nicht sie das Dogma sind, sondern das Dogma ist das Dogma… Barth fährt fort und unterstellt, Hagen gerate daher in diese papalistische Gefahr, er „überschätze“ das Unfehlbarkeitsdogma, eine Behauptung, die wir nachher überprüfen werden. Barth spricht unter Zitaten des großen Mosebach, der das Vorwort zu einem Buch des noch größeren Roberto de Mattei geschrieben habe, von einer „Übertreibung der geistlichen Vollmacht“ des Papsttums, die dem „naiven Gläubigen“ den Eindruck vermittelt habe, die Unfehlbarkeit „erstrecke sich auf jedes erdenkliche Feld des Lebens“, also nicht legitim gewesen sei.
An dieser Stelle möchte ich Barth entgegenhalten, dass er sich außerhalb dessen bewegt, was das Lehramt selbst zu dieser Frage gesagt hat. Was interessiert hier Newman, was interessiert Mosebach oder de Mattei, wenn Päpste zu dem Thema eine andere Stellung bezogen haben?
Ich möchte zitieren aus der Enzyklika „Humani generis“ von Pius XII. von 1950, ein Rundschreiben, das „einigen falschen Ansichten, die den katholischen Glauben zu untergraben drohen“ wehren wollte. Im Kapitel 4 geht Pius XII. ausführlich auf einen „falschen Begriff vom Lehramt der Kirche“ ein. Nachdem er beklagt, dass viele Theologen, das, was Päpste in ihren Rundschreiben und Erlassen lehrten, nicht für ernst und verbindlich nähmen, schreibt er:
„Man darf ebenfalls nicht annehmen, man brauche den Rundschreiben nicht zuzustimmen, weil die Päpste darin nicht ihr höchstes Lehramt ausüben. Sie sind aber doch Äußerungen des ordentlichen Lehramtes, von dem auch das Wort Christi gilt: ”Wer euch hört, der hört mich”. Sehr häufig gehört das, was die Enzykliken lehren und einschärfen, sonst wie schon zum katholischen Lehrgut. Wenn die Päpste in ihren Akten ein Urteil über eine bislang umstrittene Frage aussprechen, dann ist es für alle klar, dass diese nach der Absicht und dem Willen dieser Päpste nicht mehr der freien Erörterung unterliegen kann.“[24]
Dr. Barth möge sich klarmachen, dass es hier um nichts Geringeres als die schon erwähnte Gewissenzustimmung geht, zu der der Katholik verpflichtet ist, und die ihm eben nicht, wie Newman meint, die Ausflucht des persönlichen Gewissens offenhält.
Aus dieser Formulierung geht eindeutig hervor, dass auch päpstliche Lehren, die nicht zum „außerordentlichen Lehramt“ gehören, „nicht mehr der freien Erörterung unterliegen können“. Und es geht daraus auch hervor, dass solche endgültigen Entscheidungen nicht zwingend auf dem Wege des „außerordentlichen Lehramtes“ geschehen müssen. Und dass das so ist, begründet er mit ihrer Zugehörigkeit zu unfehlbar zu Glaubendem. Pius XII. greift hier unmittelbar zurück auf den Anspruch, den Pius IX. in seinem Breve an Erzbischof Scherr formuliert hatte, auf das ich oben schon einmal hingewiesen habe. Es ist hier nicht der Raum, in aller Breite zu zeigen, wie stark Päpste selbst diesen papalistische Anspruch erhoben haben, insbesondere auch Pius X. Die Zitate mögen an dieser Stelle genügen.
Erneut zitiert Barth Kardinal van Rossum, der gewissermaßen auf eigene Faust erklärt, dass man den Papst, wenn er im ordentlichen Lehramt irre, kritisieren dürfe.
Nun ist aber gerade diese Ansicht, erinnert man sich an Pius XII. Anspruch oben, hochgradig zweifelhaft. Wenn man sich ansieht, wie Paul VI. mit einer solchen Kritik seitens Erzbischof Lefebvres umging, scheint erneut auf, dass Päpste offenbar nicht der Meinung sind, dass man sie rechtmäßig kritisieren oder gar gegen sie stellen dürfe, solange sie nur keine feierlichen Dogmen verkünden.
In seinem Brief „Cum te“ an Lefebvre von 1976 schreibt er:

„Du bedauerst, dass die Autorität in der Kirche zu wenig geachtet wird. Du willst den unverfälschten Glauben, die Hochachtung vor dem Amtspriestertum und den Eifer für die allerheiligste Eucharistie in ihrem vollen Sinn als Opfer und Sakrament erhalten. (…) Wie aber könntest Du in Ausübung dieser Rolle behaupten, Du seiest verpflichtet, dem letzten Konzil entgegenzuwirken, in Opposition gegen Deine Brüder im Bischofsamt, ja sogar dem Heiligen Stuhl zu misstrauen, den Du als „das Rom der neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz” bezeichnest, und sich in einem offenen Ungehorsam gegen Uns einzurichten? Wenn Du wirklich, wie Du in Deinem letzten persönlichen Brief versicherst, „unter Unserer Autorität” arbeiten wolltest, ist es zunächst nötig, diese Zweideutigkeiten und Widersprüche zu bereinigen. (…) Das Erste Vatikanische Konzil hat die dem Papst gebührende Zustimmung mit folgenden Worten definiert: „Hirten jeglichen Ritus und jeglichen Ranges und die Gläubigen, einzeln sowohl wie alle zusammen, haben die Pflicht hierarchischer Unterordnung und wahren Gehorsams, nicht allein in Sachen des Glaubens und der Sitte, sondern auch in Sachen der Ordnung und der Regierung der über den ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche. Durch Bewahrung der Einheit sowohl der Gemeinschaft als des Glaubens mit dem römischen Bischof ist die Kirche Christi auf diese Weise eine Herde unter einem Hirten. (…) Im Grunde genommen willst Du, Du selbst und Deine Anhänger, an einem bestimmten Augenblick im Leben der Kirche stehenbleiben. Deshalb lehnst Du es ab, der lebendigen Kirche anzuhangen, die immer die Kirche ist; Du brichst mit Deinen rechtmäßigen Hirten. Du verachtest die rechtmäßige Ausübung ihres Amtes.“[25]

Man möge mir verzeihen: Aber das ist eine andere Sprache als die, die uns Barth als die rechtmäßige beweisen will!
Wenn er auf Sätze in der „Tagespost“ Bezug nimmt, die behaupten, bei einem Konflikt zwischen der kirchlichen Autorität und der heiligen Tradition binde die Tradition, „die kirchliche Autorität stehe nur im Dienst der Tradition“, dann ist diese Ansicht alleine durch meine Zitate von Pius XII. und Paul VI. vollständig widerlegt. Pius X., auf den sich die FSSPX so frenetisch bezieht, hätte einer solchen Ansicht etwas gehustet, um es einmal salopp zu formulieren.
Vor allem Paul VI. hebt ausdrücklich auf die Lebendigkeit der Tradition ab, die nicht auf den Zustand einer bestimmten Epoche eingefroren werden könne. Garant der Tradition ist aber auch in seiner Vorstellung, ganz wie bei Pius IX., er selbst als Papst. Eine „Tradition an sich selbst“, auf die man im Zweifelsfall zurückgreifen könne, gibt es nach dieser Auffassung nicht! An dieser Stelle wird Hagens Einwand sinnvoll, der von einem Traditionspositivismus spricht, der hohl wird. Ich wähle an der Stelle eher den Vorwurf des Voluntarismus: wenn es alleine beim Papst liegt, die Tradition recht auszulegen, unterliegen wir folglich päpstlicher Auslegungswillkür, weil es uns nicht zusteht, ihn zu kritisieren. Und DASS uns das nicht zusteht, sagen uns die Päpste doch selbst!
Barth verdreht Hagens Worte so stark, dass sie völlig sinnentstellt sind. Ihm „erschließe sich nicht“, warum Hagen den Traditionalisten „Papalismus“ vorwerfe. Nun denn — Herr Dr. Barth hätte Hagens Text genauer lesen sollen, denn Hagen hat nichts dergleichen formuliert. Hagen geht es wie Schäppi und Reusch darum, dass ausgerechnet diejenigen, die der stark papalistisch fundierten Theologie des 19. Jh folgen, sich an einem autoritären Papst wie Franziskus stören.
Es ist übrigens interessant, dass bereits im 19. Jh von den späteren Altkatholiken vorausgesehen wurde, dass die ultramontanen Maximalisten sofort umkippen würden, wenn ein Papst nicht mehr ihrem Geschmack entsprechen würde:
Diese Zeloten und Spiritualen dem Worte nach, bereiten, wenn Gott nicht bald uns würdigt einzuschreiten, einen neuen Abfall von der Kirche vor, und zwar ihren eigenen Abfall, sobald einmal ein Papst ihnen nicht zu Willen ist, da sie Gehorsam nicht gelernt haben. In einem solchen Falle würden sie auch nicht anstehen, die von ihnen als Prüfstein der Orthodoxie verteidigte Unfehlbarkeit des Papstes aufzugeben.“[26]
Um diese schizophrene Haltung ging es nicht nur damals Kritikern, sondern auch Schäppi, Reusch, Hagen und mir (ohne dass wir damit automatisch altkatholische Positionen ergreifen würden!).

Nach weiteren gelehrten, aber einseitigen Überlegungen knöpft Barth sich nun endlich auch noch mich vor. Ich schlage in dieselbe Kerbe wie Hagen. Zunächst zitiert er, dass ich den „Dubia“ einen würdelosen und diktatorischen Stil vorwerfe und kontert, „die Dame“ (es handelt sich um mich) scheine „einen anderen Text vor Augen“ gehabt zu haben als er. Mag sein — fragt sich allerdings, wer von uns beiden den Text der Kardinäle gelesen hat. Zumindest der Möglichkeit nach muss der Lesefehler ja nicht zwingend bei „der Dame“ liegen. Ich möchte daher doch begründen, warum ich mich in dieser Art geäußert habe:
Wenn etwa die vier Kardinäle Franziskus vorschreiben wollen, wie er zu antworten hätte, finde ich das auch dann einigermaßen diktatorisch, wenn es jahrhundertealte Tradition sein sollte:
„Das Besondere im Hinblick auf diese Anfragen besteht darin, dass sie so formuliert sind, dass sie als Antwort „Ja“ oder „Nein“ erfordern, ohne theologische Argumentation. Diese Weise, sich an den Apostolischen Stuhl zu wenden, ist nicht unsere Erfindung; sie ist eine jahrhundertealte Praxis.“
Auch ist der rhetorische Stil, der geradezu perfide mit Unterstellungen arbeitet, keine Art, in respektvoller Weise einen Zweifel zu äußern. Ich zitiere Dubium 2:
„Ist nach dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ (vgl. Nr. 304) die auf die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche gegründete Lehre der Enzyklika „Veritatis Splendor“ (Nr. 79) des heiligen Johannes Paul II. über die Existenz absoluter moralischer Normen, die ohne Ausnahme gelten und in sich schlechte Handlungen verbieten, noch gültig?“
Damit wird dem Papst unterstellt, er habe womöglich beabsichtigt, die Lehre der Kirche außer Kraft zu setzen. Und plötzlich sind die Heilige Schrift und die Tradition wieder interessant… Wollte man dies nicht unterstellen, ist die ganze Frage unsinnig! Wenn man glaubt, dass der Papst das natürlich NICHT wollte, dürfte man niemals so fragen. Man muss sich zudem fragen, für wie dumm die Autoren den Papst eigentlich halten — meinen sie etwa, er würde, falls er die Lehre zerstören wollte, ihnen mit einen schuldbewussten und leutseligen „nein“ (also die Lehre sei nicht mehr gültig!) antworten?!
Nur einem bereits festgelegten und geistig stark „verrannten“ Menschen mag es nicht mehr bewusst sein, dass ein solcher Umgangsstil generell unangemessen ist.
Barth wehrt meine Ansicht ab, seit 1870 seien wir dem Papst „ohne Netz und doppelten Boden ausgeliefert“ und wiederholt wieder einmal, dass das Vaticanum I nur das lehre, was man schon immer geglaubt habe. Das „seither“ hätte ich streichen müssen…
Es wird ermüdend. Ein Irrtum wird nicht dadurch wahrer, dass man ihn ständig wiederholt.
Ich zitiere extra für den Dr. Barth noch etwas von Pius X., aus dem ebenfalls eindeutig hervorgeht, dass auch er diese Lehre für eine Neuerung gehalten haben muss:
Haben wir nicht zur rechten Zeit die Abhaltung des Vatikanischen Konzils erlebt und damit die Glaubenserklärung der Unfehlbarkeit des Papstes, die allen künftigen Irrungen rechtzeitig einen wirksamen Riegel vorschiebt? Sind wir nicht Zeugen ungeahnter und nie da gewesener Beteuerungen der Liebe gewesen, die aus allen Ständen und Länderstrichen die Gläubigen schon seit längerer Zeit hierher zog, dem Stellvertreter Christi Verehrung und Huldigung zu erweisen?“[27]
Wenn Pius X. hier nicht von einer Neuerung ausgehen würde, müsste man fragen, inwiefern diese Lehre vorher fest gegolten haben soll, wenn sie offenbar unwirksam war. Erst jetzt, durch das Dogma, hat man einen "Riegel", den man den Irrungen vorschieben kann. Es gab also den Riegel des Inhaltes dessen, was das Dogma ausdrückt, vorher nicht.

Immerhin folgt Dr. Barth mit ironischem Unterton meinem Vorschlag, sich den Dogmentext genau anzusehen.
Meinen Problempunkt erkennt er nicht. Der Problempunkt ist nicht, dass der Papst laut „Pastor aeternus“ nichts Neues erfinden darf. Barth versteht nicht, dass diese Zusicherung eine Hohlklausel ist, wenn niemandem das Recht zusteht, die Tradition eines Papstes auf ihre Rechtmäßigkeit hin zu prüfen als ihm selbst! Solche Beweisführungen nennt man in der klassischen Logik eine Tautologie. Ich habe bereits anhand päpstlicher Verlautbarungen gezeigt, dass es päpstliches Selbstverständnis ist, dass nicht Kritiker, sondern ausschließlich sie selbst das letzte Wort darüber haben, ob sie recht lehren.

Ich habe natürlich großes Verständnis für Barths Ansicht, dass jeder Gläubige, auch wenn er keinerlei theologische Bildung hat, Abweichungen vom rechten Glauben erkennen und beurteilen kann.
Allein: das lehrt das Vaticanum I nun mal nicht, und auch das Vaticanum II lässt dem Laien oder untergeordneten Kleriker in dieser Sache nur wenig Raum.

Der Text des Unfehlbarkeitsdogmas umfasst in der Tat alle Lehren, den Glauben und die Sitten betreffend, die der Papst dem Volk unter Verweis auf seine höchste Autorität („ex cathedra“) als festzuhalten vorlegt, und es ist dabei völlig gleich, ob er dies im „ordentlichen“ oder „außerordentlichen“ Lehramt, in einer feierlichen oder alltäglichen Form tut:

„Wenn der römische Papst „ex Cathedra“ spricht, - das heißt, wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen mit seiner höchsten Apostolischen Autorität erklärt, dass eine Lehre, die den Glauben oder das sittliche Leben betrifft, von der ganzen Kirche gläubig festzuhalten ist, - dann besitzt er kraft des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen wurde, eben jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei Entscheidungen in der Glaubens- und Sittenlehre ausgerüstet wissen wollte. Deshalb lassen solche Lehrentscheidungen des römischen Papstes keine Abänderung mehr zu, und zwar schon von sich aus, nicht erst infolge der Zustimmung der Kirche. Wer sich aber vermessen sollte, was Gott verhüte, dieser Unserer Glaubensentscheidung zu widersprechen: der sei im Bann."

Die Formulierung des Dogmas im Original, die auf Deutsch hier etwas verwaschen wurde, lautet an der damals heftig umstrittenen und von Pius IX. am Schluss eigenmächtig eingefügten Stelle folgendermaßen:
„Ideoque eiusmodi Romani Pontificis definitiones ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae irreformabiles esse. »
„Und deswegen sind diese Definitionen des Römischen Pontifex aus sich, nicht aber aus der Übereinstimmung der Kirche heraus irreversibel.“
Dieser Satz ist schwierig und wurde immer wieder kontrovers verstanden. Die einen sahen in dem „ex sese“, dass damit gemeint sei, die Definitionen seien aus dem Papst heraus irreversibel. Sie nahmen das an, weil die Lesart, sie seien „aus sich selbst heraus irreversibel“ andererseits den Schluss des Satzes sinnlos macht. Denn wenn etwas aus sich selbst heraus wahr ist, ist es nicht nur von der Übereinstimmung der Kirche, sondern auch von der Definition des Papstes unabhängig.
Die Formulierung birgt also eine logische Absurdität in sich, will aber eines ganz sicher: die Kirche jenseits des Papstes als mögliche Kritikerin seiner Akte abweisen.
Es bleiben also viele Fragen offen, denn der Papst referiert seine höchste Autorität bei allen möglichen Gelegenheiten, seien es Heilig- und Seligsprechungen, seien es Aussagen in Briefen oder apostolischen Schreiben, wie es ihm eben gefällt…

Zum Schluss möchte ich erwähnen, dass Barth als Beispiel für eine irrtümliche jurisdiktionelle Entscheidung eines Papstes die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 durch Clemens XIV. anführt. Nun weiß jeder einigermaßen Bewanderte, dass die Historie nicht ganz so einfach ist, wie er sie darstellt. Das Auftreten des Jesuitenordens als päpstliche Sturmabteilung und Propagandabataillon war von Anfang an hochgradig umstritten und in vielen Hinsichten und Einzelfällen objektiv fragwürdig. Clemens XIV. nennt ja ausführlich in seinem Aufhebungsbreve „Dominus ac redemptor“  die Probleme, die durch das Verhalten der „Kompagnie“ entstanden waren. Äußerst befremdlich ist die geradezu abergläubische Meinung Barths, Clemens XIV. habe nur auf Druck der Fürsten hin, die selbstverständlich „vom Geist der Aufklärung und der Freimaurerei infiziert“ gewesen seien, gehandelt und damit mit den Sturz des Ancien Régime verursacht, die wunderbare Allianz von „Thron und Altar“, die allerdings — so muss ich entgegenhalten — noch nie zum Glaubensgut gehört hat noch dem gesunden Menschenverstand nach eine zwingende Berechtigung hätte. Man könnte allerdings auch genauso gut sagen, am folgenschwersten sei die Wiederzulassung des Ordens 1814 durch Pius VII. gewesen, in dessen Folge der fanatische Papalismus, der übrigens auf die Ideen eines bekennenden Freimaurers, nämlich Joseph de Maistre zurückging, das 19. Jh wie ein Brand abfackelte und die Kirche daran hinderte, sich den Fragen und Problem ihrer Zeit nicht nur defensiv, sondern offensiv und kompetent zu stellen. Ob es das Bündnis von Thron und Altar gibt oder nicht, ist für die Kirche völlig unerheblich. Ob aber die Wunde, die ihr mit dem Vaticanum I geschlagen wurde, je heilen kann, wenn man nicht die Geschichte seither noch einmal bearbeitet, ist objektiv und angesichts der Zustände in der Kirche mehr als fraglich. Es geht dabei nicht darum, ob dem Papst Unfehlbarkeit zukommt, sondern darum, worauf eigentlich der Glaube in den Herzen beruht: ausschließlich auf päpstlicher Definitions-Macht oder auf dem Wirken des Hl. Geistes in der Herzen, vor dem auch der Papst, will er „die Lämmer“ recht „weiden“, immer Respekt haben sollte.

Hanna Jüngling, am 6.5.2017

Richtigstellung Christoph Matthias Hagens hinsichtlich dessen bei Dr. Barth falsch dargestellten Positionen hier nachlesbar: http://www.katholisches.info/2017/05/die-paepstliche-unfehlbarkeit-notwendige-richtigstellung-zur-aktuellen-debatte/

Mein Leserbrief vom 4.3. in der DT (Scan)




[2] Vgl. die Zeitangabe im Artikel "Ungelöste Knoten" in Amoris Laetitia: Vier Kardinäle appellieren an Papst Franziskus“ von CNA Deutsch hier http://de.catholicnewsagency.com/story/vier-kardinale-appellieren-an-franziskus-zu-ungelosten-knoten-in-amoris-laetitia-1317 (5.5.2017)

[5] Roger Aubert: Vaticanum I. Mainz 1965. S. 263, 266f,
[6] Das trug allen Ernstes Bischof Mermillod von Genf vor, der von einer dreifachen Inkarnation Christi sprach, nämlich im Schoß seiner Mutter, in der geweihten Hostie und im Papst.
[7] Dazu schreibt der ans sich immer um Lehrtreue bemühte Klaus Schatz SJ: „Die … Frage, ob über Simon-Petrus hinaus an ein bleibendes Amt gedacht ist, dürfte, rein historisch gestellt, negativ zu beantworten sein, also in der Fragestellung: Dachte der historische Jesus bei der Beauftragung des Petrus an Nachfolger? War sich der Verfasser des Matthäus-Evangeliums … bewusst, dass Petrus und sein Auftrag jetzt in den auf ihn folgenden römischen Gemeindeleitern fortlebt? […] Wenn wir weiter fragen, ob sich die Urkirche nach dem Tod des Petrus bewusst war, dass seine Vollmacht auf den jetzigen Bischof von Rom übergegangen ist, dass also der Gemeindeleiter von Rom jetzt Nachfolger Petri, Fels der Kirche und damit Träger der Verheißung nach Mt 16,18ff ist, dann muss diese Frage, so gestellt, sicher verneint werden. […] Hätte man einen Christen um 100, 200 oder auch 300 gefragt, ob der Bischof von Rom Oberhaupt aller Christen ist, ob es einen obersten Bischof gibt, der über den anderen Bischöfen steht und in Fragen, die die ganze Kirche berühren, das letzte Wort hat, dann hätte er sicher mit Nein geantwortet.“ Zitiert nach Peter Bürger: Die dritte „Inkarnation Gottes“ in Rom, Oktober 2009. https://www.heise.de/tp/features/Die-dritte-Inkarnation-Gottes-in-Rom-3382932.html (6.5.2017)
[8] Hier ist unbedingt daran zu erinnern, dass es während des Tridentinums aus verschiedenen theologischen Hindernissen unmöglich war, über den Primat des Papstes Einigkeit zu erzielen. Dazu Klaus Schatz: Der Primat als konfessioneller Identitätspunkt in der Neuzeit. Skript der Philosophisch—theologischen Hochschule St. Georgen, o.J.
[9] Newman schrieb am 12. 12.1869 in sein Tagebuch: „Save the church, O my Fathers, from a danger as great as any that has happened to it.“  zitiert nach Adrian Lüchinger: Päpstliche Unfehlbarkeit bei Henry Edward Manning und John Henry Newman. Freiburg/Schweiz 2001, S. 268
[10] August Bernhard Hasler: Wie der Papst unfehlbar wurde. Macht und Ohnmacht eines Dogmas. München 1979. S. 182 ff
[11] August Bernhard Hasler: Pius IX. 1846–1878, päpstliche Unfehlbarkeit und 1. Vatikanisches Konzil: Dogmatisierung und Durchsetzung einer Ideologie. Hiersemann, Stuttgart 1977
[12] Hervorgetan hat sich hier etwa der damals bekannte Abt Idefons Herwegen von Maria Laach, der an einer “Reichtstheologie“ arbeitete. Vgl. dazu die faktenstarke Studie von Marcel Albert: Die Benediktinerabtei Maria Laach und der Nationalsozialismus. Paderborn 2004
[13] Klaus Schatz: Kirchenbild und päpstliche Unfehlbarkeit bei den deutschsprachigen Minoritätsbischöfen auf dem 1. Vatikanum (Miscellanea Historiae Pontificae 40). Rom 1975
[14] Davon berichten Aubert, a.a.O. S.291 ff oder Hasler a.a.O. aufgrund zahlreicher Quellen
[15] Lüchinger a.a.O.
[16] Hubert Wolf: Die Nonnen von Sant’Ambrogio. München 2013
[17] Otto Weiß: Weisungen aus dem Jenseits?: Der Einfluss mystizistischer Phänomene auf Ordens— und Kirchenleitungen im 19. Jahrhundert. Regensburg 2011
[18] Ein solcher Gedanke wird nahegelegt, wenn man bestimmten positivistischen theologischen Tendenzen, etwa dem Hans Barions, folgt, solche werden referiert hier: Christoph Matthias Hagen: Dogma als Liturgie — die juridisch-kultische Dimension des Ritus. In Una Voce Korrespondenz, Köln, Heft 4/2009, S. 322 ff
[19] Newman befragte sein Gewissen darüber, warum er das Papstdogma so sehr ablehne und notierte u.a. in seinem Tagebuch am 12.12.1869: „I doubt whether the Immaculata Conception and the Assumption, being defined, will ultimately increase devotion, or rather limit it.“ Vgl. a.a.O. Lüchinger S. 268, Anm. 1136
[20] Lüchinger, S. 286
[21] Lüchinger, S. 273
[22] Lüchinger, S. 288
[23] Lüchinger, S. 303
[24] Pius XII., „Humani generis“ (1950), deutsche Fassung http://www.stjosef.at/dokumente/humani_generis.htm#anmerkung03 (5.5.2017)
[25] Paul VI.: Cum te (1976, deutscher Wortlaut http://www.kathpedia.com/index.php/Cum_te_(Wortlaut) (5.5.2017)
[26] Paul Wenzel: Das wissenschaftliche Anliegen des Güntherianismus. Ein Beitrag zur Theologiegeschichte des 19. Jh. Essen 1961, S. 131: J. Reinkens in einem Brief an Nickes
[27] Pius X.: Ad diem illum laetissimum 1904